…aus der philippinischen Presse

 

PRESSESCHAU VON HEIKO ECKARD

Freitag, den 15. Februar 2019

(zum Bild: Visayas lernen – maayon udto sagt man nur rund um die Mittagszeit)

 

Deutsch-Philippinisches Leben – Das Wichtigste hatte ich gestern hinter meine Visayan-Uebung an den Schlusz gestellt, und prompt wurde es nicht gelesen, oder wenigstens gab es keine Reaktionen im Netz. Da mir das Verstaendnis der Filipinos aber am Herzen liegt – meine Frau, ihre Familie, unsere Nachbarn, alles Filipinos – wiederhole ich diesen Absatz heute. Denn obwohl ich mich seit 2012 mit Visayan befasse, grad im dritten Anlauf, wurde mir selbst erst nach der gestrigen Betrachtung bewusst, welche Bedeutung der Absatz fuer die Sicht der Welt und dadurch fuer mein Verstaendnis hat. Ludwig Wittgenstein formulierte das einmal so: “Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt”.

Also, der Absatz nochmal als Selbst-Zitat:

Visayan hat nur zwei Zeit-Formen fuer Verben. Die eine bezeichnet unterschiedslos Vergangenheit oder Gegenwart, die andere auch ohne Unterschied Zukunft oder Moeglichkeit (Konjunktiv), Genaueres ergibt der Kontext. Man kann das als Unterschied von “wirklich ~ war, ist” und “moeglich ~ kann sein, wird” betrachten, was bezeichnend ist fuer die Denkweise der Visayas. Man unterscheidet nicht feinsinnig – die Vergangenheit ist vorbei, und die Zukunft ist offen, das reicht um mit dem Leben fertig zu werden. Man sollte das bedenken, wenn ein Filipino zusagt, er werde etwas tun – das ist grammatisch immer auch eine blosze Moeglichkeit.

Ich nehme mal an, dass die Tagalog-Grammatik das auch so handhabt, und so machen Filipinos keinen groszartigen Unterschied zwischen Zukunft und Moeglichkeit. Das kann man als ererbte Charakter-Eigenschaft deuten, man koennte den Grund aber auch in der Sprache sehen, vielleicht bedingen Charakter und Sprache sich ja auch wechselseitig. Daraus spricht eine Gelassenheit gegenueber der Zukunft, die Deutschen zum Beispiel total auf den Nerv geht.

 



 

Das ist kein Wunder, denn Deutsche sind sprachlich Korinthen-Kacker. Das faengt an bei “der, die, das” an, Visayan “ang”, und steigert sich im “er, sie, es”, das in Visayan einfach “siya” ist, das fuer “er” oder “sie” stehen kann, und “es” gibt es in Visayan gar nicht. Filipinas verwechseln demzufolge andauernd “er” und “sie”, und in Englisch auch “he” und “she”. Genauso schwierig ist fuer sie aber auch, “wird sein / will be” und “kann sein / may be” auseinander zu halten, weil ihre Muttersprache das nicht hergibt. Visayan kennt diesen kleinen Unterschied von “kuenftig” und “moeglich” nicht, und wenn man damit nicht aufgewachen ist, ist das ein Problem. Was man von Kleinauf nicht gelernt hat zu sehen, weil man nicht einmal die Sprache dafuer hat es zu sagen, sieht man schon gar nicht als Erwachsener, wenn man sich die Welt aus einer anderen Sprache zu uebersetzen sucht. Man sollte Aussagen ueber die Zukunft daher nicht auf die Goldwaage legen und nicht gleich von “Luegen” sprechen, wenn sie nicht ganz passen – es war ja immerhin im Bereich des Moeglichen.

Ein Problem wird es auf der anderen Seite dann auch, wenn Deutsche ihre Differenzierungs-Wut zu der Pingeligkeit und Besser-Wisserei steigern, die ihnen nachgesagt wird. So erinnere ich, dass man in Finnland ueber die Abschaffung der Ein- und Zwei-Cent-Muenzen nachdachte und die entsorgen wollte, um die Betraege an den Kassen der Geschaefte auf- oder abzurunden, was eine horrende Diskussion ausloeste – in Deutschland. Wer den Pfennig nicht ehrt, ist selbst auch nichts mehr wert, und so. Deutsche lassen sich Wechselgeld bis auf die letzte Nachkomma-Stelle auszahlen, da fuehrt kein Weg dran vorbei, was mich an ein Erlebnis meiner Frau in Muenchen erinnert, noch aus der guten alten Zeit von Mark und Pfennig.

 



 

Da ich Muenzen stets beiseite legte – nach einem Spruch, den Jean Gabin mal in einem Film klopfte: “Kleingeld macht nur Loecher in die Taschen” – sammelte meine Frau das und nahm das mit zum Einkaufen. Da kam sie bei einer Kassiererin einmal schlecht an. Die war Deutsche, mit Mark und Pfennig aufgewachsen, doch die Pfennige hatte sie zu hassen gelernt, weil sie die abends zur Abrechnung rollen und abzaehlen muss, und die Abrechnung muss auf den Pfennig stimmen. Deutsche sind so pingelig, dass sie sich selbst dafuer hassen. Und so wurde meine Frau als Auslaenderin beschimpft, die seien immer so, und sie – die Kassiererin – haette dann die Muehe mit den bloeden Pfennigen. Als ich aus dem Buero kam, sasz meine Frau weinend zu Haus. Ich bin mit ihr hingegangen, wir haben mit der Filial-Leiterin gesprochen, die hat mit der Kassiererin gesprochen, und danach hat meine Frau woanders eingekauft.

Ich erinnerte diesen Fall gestern, als meine Frau mir beim Fruehstueck eine andere Geschichte erzaehlte, die sie dreiszig Jahre vor mir geheim gehalten hatte, weil sie sich dafuer schaemte. Valentins Tag war dann eine Gelegenheit, das Geheimnis zu lueften.

Meine Frau wollte unbedingt selbst Geld verdienen, welches sie zur Unterstuetzung der Familie in die Philippinen schickte. Mangels Sprachkenntnissen blieb da nur Bueglerin in einer Waescherei, und dafuer fuhr sie, wenn ich in’s Buero ging, mit der U-Bahn dahin und spaeter wieder zurueck. Nun war es einmal so, dass sie in einem Zug sasz, der nicht die ganze Strecke fuhr, sondern wegen Rush-Hour nur die Stammstrecke um regulaere Zuege zu entlasten. Sie stieg wie gewohnt in “ihren Zug” und an einer Haltestelle, kam etwas aus dem Lautsprecher, was sie nicht verstand, und sie hatte auch nicht extra aufgepasst, weil sie grad an zu Hause dachte. “Zu Hause” war fuer sie immer in den Philippinen. Wir hatten spaeter in Fuerth eine Wohnung gekauft, da werden wir bleiben – werden, koennen – und so sind wir seit meiner Pensionierung hier. Deutschland war nie ihr zu Hause: moeglich, ja, wirklich, nein. An was auch immer meine Frau dachte, damals in der U-Bahn in Muenchen, auf jeden Fall stiegen alle Leute aus, die Tueren gingen zu und dann sasz sie allein da und der Zug fuhr auf ein Abstellgleis. Erst jetzt merkte sie, dass irgendwas nicht passte, und da ging der Zug-Fuehrer durch den Wagen und sah sie. Er versuchte mit ihr zu reden, zwecklos, meine Frau hat nie richtig Deutsch gelernt. Sein Englisch war auch nicht so, rueberzubringen was zu tun sei. Der Zug-Fuehrer sagte nach einigen Fehl-Versuchen ein unanstaendiges Wort – und dann ging er wieder in den Fuehrerstand, setze den Zug zurueck an den Bahnsteig, kam rein, oeffnete freundlich die Tuer – “Bitte, Missis” – und liesz meine Frau aussteigen.

 



 

Ich hab Traenen gelacht und ihr versichert, dass sie wohl die einzige Filipina in ganz Muenchen ist, die behaupten kann, dass der Zug-Fuehrer nur fuer sie die U-Bahn zurueckgesetzt hat, damit sie aussteigen kann. Da muss sie sich nicht schaemen, dass sie ihn nicht verstanden hat, darauf sollte sie stolz sein – Muenchen auch. Sie konnte dann auch darueber lachen und erlaubte mir, diese Geschichte hier zu erzaehlen.

Es gibt also, trotz Sprache und alledem, nicht nur pingelige Deutsche, sondern auch verstaendnisvolle, die Moegliches wirklich machen. Wie ich auch die Erfahrung gemacht habe, wie immer man Menschen auswaehlt, in jeder Auswahl gibt es solche und solche. Das ist bei Filipinas nicht anders. Es gibt “gold-digger”, die lernt man vorwiegend in Bars oder in Facebook kennen, es gibt aber auch andere, eine kenn ich seit ueber dreiszig Jahren. Manche Leute meinen, dass man hier mit Englisch ueberleben kann. Ueberleben – ja, leben – nein. Englisch ist eine Fremdsprache fuer beide, ein Behelf fuer etwas, das mit Sprache ein ganzes Leben werden koennte. Bei der Hochzeit von Kronprinz Willem-Alexander und Maxima Zorreguieta gab 2002 der Geistliche ihm eine Bibel in Spanisch, ihrer Sprache, und ihr eine Bibel in Niederlaendisch, seiner Sprache, damit sie einander besser verstehen. Muss nicht gleich die Bibel sein, aber der Geistliche hat Recht, man sollte sich sprachlich verstehen, sonst wird alles nichts. In diesem Sinne mach ich weiter mit meiner Visayan-Uebung, es erschlieszt mir eine Welt, zu der ich sonst keinen Zugang haette, und morgen kuemmer ich mich dann wieder um Politik. Gestern war eh nichts Bemerkenswertes passiert.

 



 

Saysay sa adlaw – Naila ang mga Pilipino sa pagkamaabi-abihon sa mga bisita ilabi na sa mga langyaw nga modayo dinhi sa Pilipinas. (“Banat”)

Naila ang mga Pilipino sa… – naila ist bekannt, ila kennen + Vorsilbe na fuer Gegenwart – ang der, die, das mga Plural-Bilder Pilipino Filipino, sa fuer (sa ist ein Partikel, das alles heiszen kann: nach, in, bei, fuer, von, an, zu) ~ die Filipnos sind bekannt fuer…

…pagkamaabi-abihon… – abi-abi gastfreundlich sein von abi annehmen, denken + Vor/Nachsilbe ma…hon gastfreundlich als Eigenschaft + Vorsilbe pagka bildet Substantiv ~ …Gastfreundschaft…

…sa mga bisita… – sa zu, mga Plural, bisita Besucher ~ …zu Besuchern…

…ilabi na sa mga langyaw… – ilabi wird groeszer labi sehr, aeuszerst + Vorsilbe i Zukunft – na nun – sa zu, mga Plural, langyaw Auslaender ~ …die vermehrt zu den Auslaendern…

… nga modayo dinhi sa Pilipinas. – nga Verbinder  modayo kann einwandern, dayo ins Ausland gehen + Vorsilbe mo wird, kann in’s Ausland gehen – dinhi sa Pilipinas hier in die Philippinen ~ …die hier in die Philippinen einwandern.

Satz des Tages – Die Filipinos sind fuer ihre Gastfreundschaft bekannt gegenueber Besuchern, die vermehrt als Auslaender hier in die Philippinen einwandern. (Erster Satz eines Leitartikels zu der chinesischen Taho-Werferin)

 



Mein Name ist Heiko Eckard. Ich wurde 1946 in Werries – Deutschland – geboren, besuchte das Neusprachliche Gymnasium in Hamm, studierte Philosophie und Mathematik in Münster und arbeitete als Programmierer in München, Nürnberg und Fürth. Nach meiner Pensionierung ging ich 2011 mit meiner Frau Ofelia Villaflores Eckard in ihre Heimat, General Santos City – Philippinen. Auf dieser Seite beschreibe ich, was mir aus der philippinischen Presse ins Auge sticht.

Die Presseschau von Heiko Eckard wird mit seiner Einwilligung und Erlaubnis in den PHILIPPINEN NACHRICHTEN & MAGAZIN veröffentlicht.