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Ein Schweizer Ende des 19. Jahrhunderts auf den Philippinen

 



 

Schweizer sind nicht erst seit kurzem auf den Philippinen. Wer etwas weiter in die Vergangenheit zurückblicken möchte, erhält hier Einblicke in die Philippinen, wahrgenommen mit den Sinnen eines Schweizers, den es Ende des 19. Jahrhunderts auf die Philippinen verschlagen hat.

 

PHILIPPINEN MAGAZIN - NACHRICHTEN - Ein Schweizer Ende des 19. Jahruhunderts auf den Philippinen
PHILIPPINEN MAGAZIN – NACHRICHTEN – Ein Schweizer Ende des 19. Jahruhunderts auf den Philippinen

 

Hitze und Hahnenkämpfe

Der schweizerische Unteroffizier Johann Jacob „John“ Jörimann (1861-1947) in

amerikanischen Diensten auf den Philippinen 1905/06

Fabian Brändle

Zwar verbot der junge schweizerische Bundesstaat von 1848 die fremden Dienste, doch liessen sich
weiterhin viele Männer anwerben, beispielsweise seit dem Gründungsjahr 1831 von der
französischen Fremdenlegion. Mit harten Strafen mussten sie erst ab den 1920er Jahren rechnen.
Ein wichtiges Auffangbecken für mehr oder weniger gescheiterte Existenzen war seit dem späteren
19. Jahrhundert zudem die amerikanische Armee, wo neben Schweizern auch viele arme Deutsche,
Iren (britische Staatsbürger) oder Italiener dienten. Diese Auswanderer hatten nirgends sonstwo
Fuss fassen können, der Dienst in der US-Army war für sie so etwas wie die letzte verbliebene
Lebenschance, eine aus der Not geborene Perspektive.

Als Johann Jacob Jörimann (1861-1947) aus Tamins im gebirgigen, eher armen schweizerischen
Auswanderungskanton Grabünden 1881 aus Armutsgründen über Antwerpen nach New York
aufbrach, dachte er wohl kaum daran, einmal 25 Jahre lang Dienst in der amerikanischen Armee zu
leisten und in so fernen Regionen wie den Philippinen zu kämpfen. Ein Werbeklakat der US-Army
erheischte die Aufmerksamkeit Johann Jacob Jörimanns. Das Propagandaplakat versprach Kost,
Logis sowie einen eher geringen Sold. Wie viele andere Neugierige auch unterschrieben die beiden
Arglosen nach einem Eignungstest und nach einer strengen, demütigenden medizinischen
Untersuchung für immerhin fünf Jahre. Sie waren nun Rekruten der amerikanischen Armee. Was
würde aus ihnen werden, wohin würde es sie überall verschlagen? Bange Fragen, die bald
unmissverständlich beantwortet wurden. Johann Jacob Jörimann war nun jedenfalls nicht mehr
Schmied seines eigenen Glücks, sondern eingespannt in eine die Rekruten dominierende „totale“
Struktur, in eine Organisation, die Denken und Handeln weitgehend für diese übernahm.
Johann Jacob, oder „John“, wie er sich später amerikanisiert nannte, Jörimann machte durchaus
Karriere im amerikanischen Militär, stieg er doch bis zum ranghöchsten Unteroffizier
(Tech(P.G.M.) Sergeant) auf. Das alles wäre an sich noch nicht besonders aussergewöhnlich.
Sehr aussergewöhnlich ist aber, dass Johann Jacob Jörimann seine Erlebnisse schriftlich und
detailliert zu Papier brachte.

 

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PHILIPPINEN MAGAZIN – NACHRICHTEN – Ein Schweizer Ende des 19. Jahruhunderts auf den Philippinen

Nach Einsätzen im amerikanischen Westen und auf Kuba 1898 im Spanisch-Amerikanischen Krieg
gelangte Jörimann im Jahre 1905 auf die Philippinen, wo er in der Etappe als Postmeister für die
Zustellung der Feldpost zuständig war. Jörimann war also nicht direkt an Kampffhandlungen gegen
die zähe philippinische Guerilla beteiligt, was vielleicht seine Abenteuerlust weckte. Gemeinsam
mit Freunden und gleichsam ausgestattet mit einem ethnologischen Blick machte er sich bei grosser
Hitze, die infektuöse Krankheiten beförderte, daran, die Umgebung der Hauptstadt Manila zu
erkunden. Jörimann beobachtete die Kriegstänze der Einheimischen, hatte einen geschärften Blick
für die Merkwürdigkeiten von Land und Leuten. Er beschrieb auch einen für ihn fremden
Hahnenkampf auf der Hauptinsel Luzon, sicher nicht so „dicht“ wie der berühmte amerikanische
Ethnologe Clfford Geertz in seinem Artikel „Deep Play“, aber doch bemerkenswert genau. Seine
präzise Darstellung dieses blutigen Rituals ist eine für die Forschung wertvolle ethnographische
Beschreibung „von unten“. Für Johann Jacob Jörimann war der damalige „Filippino“ grausam und
hinterlistig. Es kommen also damals typische rassistische Vorurteile zur Geltung, die wiederum
Massaker oder weitere Gewalttaten an der einheimischen Bevölkerung mehr oder weniger
rechtfertigten.

Im Jahre 1906, nur ein Jahr nach Johann Jacob Jörimanns Landung in Manila, war die Mission des
Schweizer Söldners bereits wieder zu Ende. Dieser lobte die amerikanischen
Zivilisationsmassnahmen über den grünen Klee, sprach von einem grossen Erfolg der „Mission“
Der Krieg zog sich dennoch noch einige Jahre weiter hin. „John“ Jörimann quittierte indessen nach
25 Jahren ordnungsgemäss den Dienst und schiffte sich im Jahre 1906 via Hawaii zurück in die
Vereinigten Staaten ein. Dort wurde er zum Augenzeugen des grossen Erdbebens von San Franciso.
Wann genau er in die Schweiz zurückkehrte, ist nicht ganz sicher. Bereits in den 1920er Jahren
erscheint Jörimann jedenfals auf den Steuerlisten des Ostchweizer Kantons St. Gallen. Jörimann
integrierte sich gut in seiner Wahlheimat Wil SG, wo er unter anderem einem Männerchor beitrat
und als guter Erzähler geschätzt wurde. Johann Jacob Jörimann genoss seine für schweizerische
Verhältnisse gute Rente, blieb aber Junggeselle.

 

Brändle, Fabian/Werner Warth. Kavallerist auf zwei Kontinenten. Johann Jacob Jörimann (1861-
1947) in amerikanischen Diensten. Schwellbrunn: Edition Ost 2018. (ca. Euro 22.-)

ISBN: 9783038950141

 



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