Wie der Franz seinen Tod im Paradies versemmelte – 11

 



 

DIE MENSCHLICHEN GEIER UND DIE BEHÖRDEN

An diesem verhängnisvollen Abend haber wir dann noch einige Zeit mit der verantwortlichen Ärztin von Franz im städtischen Krankenhaus gesprochen. Sie hat uns die Werte erklärt und mit absoluter Sicherheit festgestellt, dass Franz für viele, viele Monate weder seine Medizin gegen die Diabetes, noch gegen seinen hohen Blutdruck und seine Herzbeschwerden eingenommen hatte. Damit war sein jetziger Zustand auch erklärt und seine vollständige Abneigung, einen Arzt sehen zu wollen.
Nun, da war halt nichts mehr daran zu ändern. Ob Franz sich so sein Ende im Paradies vorgestellt hat, weiß ich nicht.
Franz war nun tot. Informationen über ihn selber hatten wir so gut wie keine. Das bißchen, was wir wussten, war auch noch widersprüchlich. Mal sagte er, er habe Kinder aus einer geschiedenen Ehe und ein anderes Mal erzählte er, dass er keine Familie habe, außer seiner Schwester in Erfurt. Die würde sich nun sicherlich freuen, wenn er so weit weg auf den Philippinen sei und sie seinen Traktor benützen könne. Dann sprach er mal von einer Patentochter in Ungarn, wozu er eine gute Beziehung haben wollte, aber die Namen und Anschriften waren dem Franz nicht zu entlocken.
Zurück zum städtischen Krankenhaus. Ja, zu diesem Zeitpunkt hätten wir sagen sollen, dass für uns hier nun Schluß sei, aber dann wäre die Geschichte vom Franz, wie er seinen Tod im Paradies versemmelte, hier zu Ende gewesen.
Also gingen wir hinter das Krankenhaus, zu den Nebengebäuden und warteten dort auf das Eintreffen der sterblichen Überreste von Franz.

DORT LAUERTEN DIE ERSTEN MENSCHLICHEN GEIER!

Wir wurden angesprochen, ob wir einen bestimmten Bestatter benachrichtigen wollen. Genau den wollte meine Frau eigentlich nicht, da dieser als nicht gerade preiswert bekannt ist. Den von meiner Frau vorgeschlagenen wollte man aber nicht akzeptieren und erzählte uns, dieser habe für das städtische Krankenhaus keine Akkreditierung. Da wir wohl alle noch etwas unter dem Schock, was in den letzten Stunden passiert war standen, gab es dann wenig Widerspruch. Also gut, dann soll man eben diesen Bestatter anrufen, auch dort kennt meine Frau jemanden. Im Nachhinein ist klar, von genau diesem Bestatter erwarteten die Männer hinter dem Krankenhaus eine fette Kommission für ihren Anruf, den am Ende der Kunde aufgeschlagen bekommt.
Das Bestattungsinstitut war innerhalb von 30 Minuten mit einem alten, verbeulten Van und einer Bahre da. Franz wurde eingeladen und wir wußten wohin wir mußten und folgten.

DORT WARTETEN BEREITS DIE NÄCHSTEN GEIER!

Es war ja Sonntag, aber die Bestatter der Stadt sind 24/7 rund um die Uhr geöffnet. Gestorben wird zu jeder Tageszeit. Wir wurden hereingebeten und konnten vor einem beichtstuhlähnlichen Kubikel mit dem diensthabenden Bestatter sprechen. Der schlug uns als Erstes das komplette Paket in der Halle mit Klimaanlage und allen Dekorationen vor. Der Gute bekam dann erklärt, dass wir keine Angehörigen des Toten seien, es hier niemanden habe und niemand zur Totenwache kommen würde. Seine angebliche Freundin Viktoria hatte sich bereits verflüchtigt und meldete sich nicht am Handy.
Etwa eine halbe Stunde lang wurden dann die Angebote etwas kleiner und nur wenig preiswerter. Man wollte einbalsamieren. Meine Frau sagte, sie wolle, dass der Franz beerdigt wird und nicht zur Schau gestellt wird.
Zum Schluß setzte sich meine Frau durch, dass Franz drei Tage lang in den Kühlraum kommt, bis zur Beerdigung, einen Sarg von der Stadt gestellt bekommt und wir am nächsten Tag seinen Anzug, Hemd und Schuhe bringen. Der Anzug hing auf einem Bügel unter Plastik an der Wand, damit hatte der Franz eigentlich hier heiraten wollen. Der gesponserte Sarg der Stadt scheiterte an der Größe von Franz. Also musste da eine kostenpflichtige Sonderanfertigung vom Sargmacher angefertigt werden. Dem stimmten wird dann zu. Bitteschön, aber innerhalb dieser drei Tage. Man hörte aus dem Kubikel ein Seufzen und dann die Bestätigung. Zum guten Schluß dann noch, man benötige eine Erlaubnis der Stadt zur Beerdigung. OK, da würden wir uns gleich am Montag darum kümmern.
Das war es für den Sonntag. Wir fuhren nach Hause und tranken noch ein paar Biere mit dem Filipino-Schweizer, damit der wieder etwas Farbe ins Gesicht bekam, den Tag etwas zu verarbeiten und dann schlafen zu gehen.
Am Montagmorgen, nach dem Frühstück, benachrichtigte ich die Deutsche Botschaft in Manila vom Ableben des Franz per E-mail. Danach fuhren wir zur Stadtverwaltung, um die Bestattungserlaubnis zu bekommen. Dort schickte man uns wieder zum Krankenhaus, um den Totenschein zu holen. Den wollte man uns aber nur aushändigen, wenn wir eine Geburtsurkunde für den Toten vorlegen konnten. Die hatten wir bis dahin nicht. Also zurück zur Stadtverwaltung, zum Standesamt. Dort kannten wir für viele Jahre die leitende Beamtin und auch ihr Vorgänger war ein guter Freund gewesen. Leider war mittlerweile diese Leiterin bereits pensioniert worden. Wir trafen auf die sehr verständige Nachfolgerin, die meine Frau aus der Zeit allerdings auch kannte, wenn auch nur vom Sehen.
Sie konnte uns Hilfe anbieten mit der Ausstellung einer

VORLÄUFIGEN BESTATTUNGSERLAUBNIS

Sie schickte einen städtischen Boten mit dem Motorrad zum Krankenhaus, um einen Fotokopie des Totenscheins zu holen und daraufhin konnte dann die Bescheinigung für das Bestattungsinstitut ausgestellt werden. Man erwähnte noch, dass diese Bescheinigung 30 Tage gültig sei. Ja und dann, wollen sie dann den Toten wieder ausbuddeln?
Die ganze Zeit über saßen wir im Büro der Leiterin des Standesamts und bekamen sogar noch einen Kaffee. Als wir den Schein in Händen hatten, konnten wir nun damit zum Bestatter und zum Friedhof fahren. Dort wurde dann nach erneutem Palawer ein Platz bereit gestellt zur Vorbereitung für die Beerdigung, sowie ein Tag und eine Uhrzeit festgelegt für die Ankunft des Sarges. Das war dann der kommende Mittwoch, für philippinische Verhältnisse eine sehr kurze Zeit. Man musste nun schnell das Grab ausheben und mauern. Damit waren die drei Tage im Kühlraum und nicht im Show Room ausgenutzt.
Nochmals zurück zur Stadtverwaltung, in ein anderes Büro. Wir brauchten ein Transportfahrzeug vom Bestattungsinstitut zum Friedhof, denn von dort wurde kein Fahrzeug gestellt. Das war innerhalb von 10 Minuten erledigt und ein Fahrzeug sollte am Mittwoch um 14 Uhr bereitstehen.
Bis Dienstag hatte sich dann auch die Deutsche Botschaft gemeldet. Man benötige die Sterbeurkund und möchte bitten den Reisepass des Franz zuschicken.
Meine Antwort darauf war, wir hätten keine Sterbeurkunde, da wir keine Geburtsurkunde hätte und auch nicht wüßten, wo wir eine herbekommen könnten. Um den Paß verschicken zu können, solle man bitte die Kosten dafür im Voraus erstatten oder eine Möglichkeit des kostenlosen Versandes für uns benennen. Wir hätten schon einen erheblichen Kosten- und Zeitaufwand von unserer Seite zu tragen.
Die Antwort ließ nicht auf sich warten. Erstattungen in diesem Falle seien von der Botschaft nicht vorgesehen, aber man wäre dankbar, wenn wir trotzdem den Reisepass schicken könnten.
Na ja, ich muß für alles, was ich von der Deutschen Botschaft möchte, eine Gebühr bezahlen und dort klopft man auf Verständnis und Mitgefühl. Das habe ich nach einigen Erfahrungen mit der Deutschen Botschaft nicht und die schriftliche Antwort fiel wohl nicht gerade freundlich aus. Nach einiger Zeit meldete sich per E-mail ein anderer konsularischer Beamter und nicht der Auszubildende, dem man wohl vorher diesen Fall aufs Auge gedrückt hatte, ob wir nicht doch vielleicht eine Sterbeurkunde beibringen könnten. Ich würde es versuchen.
Nun zurück:

DIE BEERDIGUNG

Am Tage der Beerdigung, also am Mittwoch, rief die Stadtverwaltung an, ob man nicht den Termin vorziehen könne auf 11 Uhr, da man das Fahrzeug sehr dringend um 14 Uhr für etwas anderes benötige. Das war von uns soweit OK und kein Problem. Ich glaube, wir hatten die Kosten für den maßgeschneiderten Sarg und die Aufbewahrung im Kühlraum bereits beglichen und am Friedhof würde man auch schon Bescheid wissen und die Grabstätte war auch bezahlt.
Wir fuhren zum Bestattungsinstitut und kurz nach unserer Ankunft kam auch das Fahrzeug der Stadt. Das Personal holte den Franz aus der Kühlkammer und verfrachtete den Sarg auf die offene, aber überdachte Ladefläche. Der Fahrer machte die Warnblinkanlage an und bedeutete uns, das Gleiche zu tun und ihm zu folgen. Es geht quer durch die Innenstadt, danach am großen Markt vorbei und ohne Anzuhalten über rote Ampeln. Einige Passanten bemerken was los ist und an ihnen vorbeifährt und bekreuzigen sich. Von der Friedhofsverwaltung sind 6 Träger da, um den Sarg zur letzten Ruhestätte für den Franz zu bringen. Nur, das erweist sich gar nicht so einfach, denn Wege gibt es nicht und steil bergan geht es auch noch. Es geht unter lauten Rufen über andere Gräber hinweg und auch wir suchen uns einen Weg über und durch die Gräber anderer den Weg. Schwitzend kommen wir alle oben am Grab an. Ein Priester war nicht da, da nicht bestellt und nicht bezahlt. Franz hatte eh gesagt, er wäre nicht religiös.
Nun wurde der Sarg über das offene Grab gehoben und sollte heruntergelasswn werden. Das ging aber nicht, da das Grab zu kurz war. Man hatte dem Friedhof nicht mitgeteilt, dass da ein XXL-Sarg kommt und so hatte man ein philippinisches Standard Grab ausgehoben und gemauert. Noch ein wenig versucht, ob es mit Gewalt geht, nein, geht nicht. Also muss der Franz noch etwas warten und wird auf die Seite gestellt. Die Hohlsteine waren von innen verputzt worden. Der Maurer, der auch die Deckenplatte nach der Beerdigung machen sollte, begann damit den noch ziemlich frischen Putz von der Wand zu kratzen. An der anderen Seite half ihm jemand dabei. Ob das reichen wird? Nochmaliger Versuch, den Sarg in das Loch zu bekommen. Mit einigen Kratzgeräuschen geht es und der Sarg ist unten. Jemand hatte noch an ein paar Blümchen gedacht, um sie als letzten Gruß auf den Sarg zu werfen, für die paar anwesenden Leute. Der Maurer machte die Grabplatte fertig und wir fuhren nach Hause.

DIE NACHWEHEN DER BEERDIGUNG

Danach folgten eine Reihe ruhiger Tage, bis eines Tages die Stadtverwaltung anrief und man daran erinnterte, dass die 30 Tage für die „vorläufige Beerdigungsbescheinigung“ ablaufen würden und man nun die Sterbeurkunde vom Krankenhaus benötigen würde.
Beim Durchgehen der Sachen und Aufräumen der Wohnung vom Franz waren wir auf einige Papiere gestossen und dabei war tatsächlich eine Geburtsurkunde, allerdings nur in deutscher Sprache. Na gut, mit der sind wir dann wiedermal ins städtische Krankenhaus gefahren. Diesmal bin ich mit dabei, als wir ins Büro gehen, wo die Krankengeschichten und auch die Sterbefälle verwaltet werden. Hier war es doch gewesen, wo die Büroleiterin vor allen Leuten meine Frau lautstark und nachträglich verdächtigte, die Freundin von Franz gewesen zu sein, obwohl sie gesagt hatte, dass sie mit einem Deutschen verheiratet sei, mit mir. Also zeigte ich dem Sachbearbeiter die deutsche Geburtsurkunde vom Franz und erklärte und übersetzte es ihm. Das reichte dann tatsächlich dafür, dass er die Sterbeurkunde herausrückte, mit der wir zum Standesamt fahren konnten. Allerdings musste meine Frau ihre ID, in diesem Falle ihren Reisepass, als Pfand hinterlegen, damit wir dann auch die Kopie mit der Registrierungsnummer des Standesamtes wieder zurückbringen. Die Büroleiterin ließ sich nicht sehen und so beließ ich es dabei.
Also auf zum Standesamt. Ich halte mich bei solchen Dingen mormalerweise im Hintergrund und so saß ich auch diesmal abseit auf einer Besucherbank, als meine Frau mit der Sachbearbeiterin dort sprach. Trotzdem bekam ich mit, wie diese ihr erklärte, dass man einen Tag über die 30 Tage hinaus sei und deswegen nun auch noch die Krankengeschichte vom Krankenhuaus und eine Bestätigung vom Bestattungsinstitut benötige. Meine Frau schaute sich nach mir um, deswegen stand ich auf und gesellte mich dazu und ließ mir von der Sachbearbeiterin die Lage nochmals erklären.
Daraufhin habe ich dann ruhig erklärt, dass die Deutsche Botschaft eine Sterbeurkunde benötige und dass sie als Sachbearbeiterin für die Stadtverwaltung diese ebenfalls benöitge und wir, als unbeteiligte Dritte, diese eben nicht benötigen würden. Sie wisse sicherlich wo sie ihre benötigten Unterlagen selber holen könne und für uns sei dieser Hokospokus hier nun zu Ende. Ich habe dann meine Frau mit der Sterbeurkunde vom Krankenhaus an der Hand genommen und wir sind gegangen. Zurück blieb eine sichtlich sprachlose Sachbearbeiterin mit offenen Mund an ihrem Schreibtisch.
Also, dann nochmals zum Krankenhaus zurück, um den Pass meiner Frau wieder abzuholen und die unfertige Sterbeurkunde zurückzubringen. Wir saßen gerade dort und hatten dem dortigen Sachbearbeiter die Lage erklärt, als die Büroleiterin auf der Fläche am Kopierer erschien.
Ich sprach sie dann auch gleich an, ob sie sich and die Dame dort auf dem Stuhl erinnern könne. Konnte sie. Da konnte ich es dann nicht lassen, den SIR heraushängen zu lassen. Ich zeigte ihr meinen Ausweis und ließ sie wissen, dass das Sir vor dem Namen kein respektliches Sir, sondern ein Titel sei und sie somit meine Ehefrau als LADY anzusprechen habe. Ansonsten stände es ihr in keinster Weise zu, Bürger irgendetwas zu verdächtigen und in der Öffentlichkeit herunterzuputzen. Ja, passte. Die anderen Angestellten sagten nichts, aber man konnte an ihrem Grinsen schon erkennen, daß sie es gerne miterlebt hatten.
Meine Frau hatte ihren Paß und eine Kopie der Sterbeurkunde ohne Registrierungsnummer und wir fuhren nach Hause.
Die Deutsche Botschaft bekam die unvollständige Sterbeurkunde per E-mail mit einer kurzen Erklärung zugeschickt, dass unsere Hilfe hier nun endgülitg beendet sei.
Ein Antwort darauf gab es nicht mehr.
Die letzte Rente von Franz kam noch termingerecht und es reichte für eine etwa plus-minus Abrechnung aller entstandenen Kosten. Außer, da wäre noch die Schwester meiner Frau, die wohl der Meinung war, wie viele andere Filipinos auch, dass die Deutsche Botschaft die Kosten übernehmen und uns Geld dafür schicken würde. Sie hätte da noch eine offene Rechnung über 5.000 Pesos über Fleisch für Franz.
Ja gut, die hat sie nun immer noch.
HAHAHAHAHA