…aus der philippinischen Presse

 



 

PRESSESCHAU VON HEIKO ECKARD

Mittwoch, den 27. Mai 2020

Zum Bild: Der so liebend gerne missverstandene Rodrigo Duterte

 

Ach, Duterte! – Die Schlagzeile der “Times” lautet heute “No vaccine, no classes – Palace”, und der erste Satz des Artikels praezisiert im Langtext: “Es wird keinen Frontal-Unterricht (face-to-face classes) geben, bis ein Impfstoff gegen die Coronavirus-Krankheit entwickelt wurde, sagte Praesident Rodrigo Duterte am Dienstag und betonte, dass das Wohlergehen der Studenten von hoechster Prioritaet sei.

Ich will nicht darauf herumreiten will, dass Duterte das nach der Montags-Sitzung der IATF (Inter-Agency Task Force) zur Bekaempfung von Covid-19  gesagt hat. Da es sehr spaet war, als er sich ueber TV an die Bevoelkerung wandte, kann es bereits Dienstag gewesen sein, auch wenn andere Quellen sich mit “Duterte sagte am Montag” darauf beziehen.

Dennoch ist die Schlagzeile so richtig, wie sie falsch ist. Wie ich bereits gestern schrieb, sagte Duterte laut “Bulletin”: “Ich werde nicht zulassen, dass Klassen eroeffnet werden, in welchen die Schueler eng beieinander sind. Wenn also niemand fuer diese Generation einen Abschluss als Arzt und Ingenieur machen kann, so sei’s drum. … Fuer mich muss es zuerst einen Impfstoff geben. Wenn es einen Impfstoff gibt, dann geht das in Ordnung.

Als ich dies gestern frueh in meinem Blog zitierte, wies ich auf den Rat von Dutertes Sprecher Harry Roque hin, Dutertes Reden nie woertlich, aber stets ernst zu nehmen. Denn so – war mir klar – kann er das gar nicht gemeint haben. Doch die Zahl meiner Leser ist endlich, und es gab gestern bereits Meldungen des Tenors: “No vaccine, no classes”, was der “Times” erst heute auffaellt. Darauf stuetzten sich Facebook-User und folgerten, dass es 2020 keinen Schul-Unterricht mehr geben wird.

Ich mischte mich in die Diskussion eines Beitrages mit dieser Ueberschrift und verwies auf den Unterschied von Gesagtem – “zuerst muss es einen Impfstoff geben” – und Gemeintem – “keine Klassen, wenn die Schueler eng beisammen sind” – denn das liesze sich ja auch anders erreichen. Ich bekam die Antwort: “Ich hoffe, dass du Recht hast.” Das ist eine sehr hoefliche Art: “Du Arschloch!” nicht zu sagen, denn es wurden weitere Berichte zitiert, die auch der Linie folgten: “No vaccine, no classes”.

Ich habe mich aus der Diskussion ausgeklinkt, und gestern um 3:45 p.m. klaerte Sprecher Roque die Sache dann in einer Presse-Konferenz. Ich stellte dazu diesen Beitrag in Facebook ein:

Der Weichmacher

Zu der ungluecklich verlaufenden Diskussion um die Wiederaufnahme des Schulunterrichts hat sich in einer Presse-Konferenz der Sprecher des Praesidenten Harry Roque heute geaeuszert.

Offenbar sah er dringenden Bedarf, die Auslassungen seines Dienstherrn vom Vortag zu praezisieren.

Roque sagte laut „Manila Bulletin“ unter anderem:

„Solange es keinen Impfstoff gibt und wir die neue Normalität nicht erreicht haben oder wenn es keine Gemeinschaftsquarantäne mehr gibt, werden wir keine Präsenzkurse (face-to-face classes ~ Frontalunterricht) in Klassenzimmern haben.“

„Werden wir jedoch bis zum 24. August die neue Normalität erreichen, koennen sie [die Praesenzkurse] wieder aufgenommen werden.“

„Trifft die neue Normalität jedoch nicht ein, und kann die Gemeinschaftsquarantäne nicht aufgehoben werden, bedeutet dies nicht, dass unsere Schüler nicht mehr lernen werden. Wir werden ‚gemischtes Lernen (blended learning)‘ haben.“

Also: der Schulunterricht wird fuer dieses Jahr nicht eingestellt. Es ist nur noch nicht ganz klar, wie er nach Aufhebung der Quarantaene aussehen wird. Wir haben jetzt Mai – wartet bitte ab, was ihr bis zum 24. August dazu hoeren werdet. 

Dieser Beitrag wurde von jenen, die die Diskussion “2020 kein Schul-Unterricht mehr” losgetreten hatten, nicht erkennbar gelesen, und – das ist nach dieser ellenlangen Einleitung mein heutiges Thema.

Man hatte schon mein gestriges Blog mit Roques Rat zur Umsicht bei Dutertes Reden nicht gelesen, als man die Diskussion “2020 kein Schul-Unterricht mehr” eroeffnete, und offenbar wollte man das auch nicht wissen. Man war auf “Jammer und Wehklage” gebuerstet, und dieses geteilte Leid wollte man sich nicht nehmen lassen. Man verwahrt sich dagegen, dass einem jemand sagen will: “Dein Leiden ist unbegruendet.” Wie kann der das sagen, wo ich doch leide!?

Wer bist du?” ist dann die Reaktion, und da muss ich zurueckstecken – weshalb ich mich ausgeklinkt habe und das heute zu verstehen versuche.

Manche Menschen lesen nur Schlagzeilen, das reicht ihnen zur Meinungsbildung. Das ist legitim, und damit muessen Politiker rechnen, und manche rechnen auch genau damit und zielen darauf ab. Das es so komische Menschen gibt wie mich, die sich fragen, wie kommt der dazu, ist nicht die Norm, und deshalb rechnet auch niemand mit mir sondern blockt mich ab mit der Frage: “Wer bist du?

Manche Menschen lesen auch nur, was ihnen von ihrem “Micro-Influencer” angeboten wird. In jeder groeszeren Gruppe gibt es solche, die “das Sagen haben”. Was die nicht ansprechen ist kein Thema, und was die sagen, ist das Evangelium. Soziologen sprechen da auch gern von “Deutungshoheit”. Das erzeugt “Meinungsblasen”, und die gibt es nicht erst seit Facebook. Das englische Sprichwort “You are always preaching to the converted ~ Du predigst stets den Bekehrten” besagt dasselbe: du erreichst nur die, die zu dir in die Kirche kommen. Die anderen, die du vielleicht erreichen willst, kommen gar nicht erst – weil sie dich nicht hoeren wollen.

Setzen wir diese Einsichten mal als bekannt voraus und betrachten wir von da aus Praesident Duterte, so kann man nur die Haende ueber dem Kopf zusammenschlagen.

Es begann schon vor der Wahl, steigerte sich aber, als er tatsaechlich Praesident wurde und der Polizei betreffs des Umgangs mit Drogenhaendlern sagte: “Schieszt sie tot!” Dass er, meist leise, angefuegt hat “Wenn euer Leben in Gefahr ist”, reicht nicht mehr fuer die Schlagzeile. In Durchsetzung des Rechts darf der Polizist von der Waffe nur Gebrauch machen, wenn sein Leben in Gefahr ist. Da liegt der Abgrund zwischen  “law enforcement” und “extra-judicial killing”. Der nachgemurmelte Nebensatz mit genau der Einschraenkung ist der wichtigere Teil der Aussage, doch der kommt nicht mehr an.

Aus dieser Art zu reden erklaert sich, dass Duterte in weltweiter Sicht eben jener “wahnsinnige Serien-Moerder” wurde, zu dem Leila de Lima ihn erklaerte. Und das “Foreign Policy Magazine” rechnete die inhaftierte Senatorin im April 2017 deshalb unter die “100 Leading Global Thinkers”. Gegen diesen weltweiten Ruf seiner Widersacherin kommt Duterte nie an. Und da hilft auch nicht, wenn sie wegen der Zusammenarbeit mit Drogenhaendlern, wofuer sie derzeit einsitzt, wird verurteilt werden. Im Gegenteil, das waere geradezu das Siegel der Wahrheit, sie als Maertyrerin im Kampf gegen jenen Tyrannen zu sehen, der sogar den Gerichten sagen kann, wie sie zu urteilen haben. Dass Praesident Duterte die Unabhaengigkeit der Gerichte peinlich beachtet, wuerde hoehnisch verlacht, sollte man wagen, das an der Stelle einzuwenden.

Daran liegt auch, dass er wegen des moerderischen Eindrucks falsche Freunde hat. Die Aussage einiger wie auch immer gesinnter “Fans” in Deutschland – “so einen braeuchten wir auch hier” – will gar keinen “law and order”-Mann, der Duterte nun eimal ist, sondern einen Diktator, der niedermacht, was sich ihm in den Weg stellt.

Das ist Duterte aber nicht, doch das kann man aus genannten Gruenden genau jenen nicht erklaeren, die man davon ueberzeugen moechte. Und so wird man auch jene nicht ueberzeugen, die “No vaccine, no classes” so woertlich verstehen wollen, wie es in der Schlagzeile nun einmal geschrieben steht. Fuer die gilt auch der Hinweis nicht, dass es in der Rede des Praesidenten hiesz: “Fuer mich muss es zuerst einen Impfstoff geben.” Es ist jenen bekannt, die Duterte verfolgen, dass er im Kabinett nicht der Wortfuehrer ist, sondern dass er die Diskussion “moderiert”, und das wird auch in den IATF-Runden nicht anders sein. Er ist eben nicht der Allein-Herrscher (und -Denker), der seine Vorstellung als allein seligmachend durchdrueckt. Er hat auch eine Meinung, und sicher sagt er die, aber er ist auch Team-Player. Und wie schon der weichmachende Nachklapp seines Sprechers Harry Roque andeutete ist dieses “Fuer mich muss es zuerst einen Impfstoff geben” kein Gesetz. Mit Duterte kann man ueber alles reden, doch entscheiden tut er nur nach der Diskussion im Kabinett. Das tyrannische “sein Wort ist Gesetz” gilt nicht fuer ihn, schon gar nicht, wenn es aus freihaendiger Rede an das Volk stammt. Da legt er seine Gedanken offen, doch es gilt immer nur das, was er am Ende unterschreibt.

Weil dies so ist, wie es ist, ist mir auch wieder klar, dass diese laenglichen Ueberlegungen nur die lesen, denen ich das nicht haette erlaeutern muessen.

Sei’s drum, fuer die schreibt man ja, und – Danke fuer eure Aufmerksamkeit!

 



 

Gemaesz “Manila Times”, “Manila Bulletin” u.a.

 

Mein Name ist Heiko Eckard. Ich wurde 1946 in Werries – Deutschland – geboren, besuchte das Neusprachliche Gymnasium in Hamm, studierte Philosophie und Mathematik in Münster und arbeitete als Programmierer in München, Nürnberg und Fürth. Nach meiner Pensionierung ging ich 2011 mit meiner Frau Ofelia Villaflores Eckard in ihre Heimat, General Santos City – Philippinen. Auf dieser Seite beschreibe ich, was mir aus der philippinischen Presse ins Auge sticht.

 

Die Presseschau von Heiko Eckard wird mit seiner Einwilligung und Erlaubnis in den PHILIPPINEN MAGAZIN mit NACHRICHTEN veröffentlicht.

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