…aus der philippinischen Presse

 



 

PRESSESCHAU VON HEIKO ECKARD

Donnerstag, den 02. Januar 2020

(zum Bild: Der Präsident sucht nacht ‚pork‘)

 

Melancholie II – Im Moment ist nicht viel los. Praesident Rodrigo Roa Duterte floeht weiter den Haushalt 2020 durch, wo dort “pork” versteckt ist, und einen neuen Polizei-Chef hat er auch noch nicht. Zwar hat Innen-Minister Eduardo Año eine Liste zur Ernennung verdienter Leute eingereicht, doch Duterte zaudert: “Ich meine, sie sind alle gut, aber ich moechte einen besseren Deal. Es reicht nicht, dass Sie sie empfehlen. Wenn Sie mir sagen, ‘Sir, wenn Sie mich waehlen, sind alle Druglords tot’, dann sind Sie es. Koennen Sie mir diese Garantie nicht geben – was soll’s?

Dieses Problem ist nicht neu. Ich schrieb schon im Oktober 2017, das eigentliche Problem Dutertes im Drogenkrieg sei die Polizei selbst. Er weisz, dass es “ninjas” und “bad eggs” bei der Polizei gibt, hat er selbst oft genug beklagt, und deutlich machten das Ereignisse wie der Mord an dem koreanischen Geschaeftsmann Jee Ick Joo durch Polizisten in Camp Crame, dem Hauptquartier der PNP (Philippine National Police), sozusagen unter der Nase von Polizei-Chef Ronald “Bato” dela Rosa, wie auch die Morde an Kian delos Santos und Carl Angelo Arnaiz. Zu beiden Anlaessen dringlich befragt brach Polizei-Chef dela Rosa in Traenen aus. Er wurde “emotional”, sagt man hier. Mir fiel damals im Januar, nach dem Mord an Jee Ick Joo, der Satz ein “Generale weinen nicht”. Ich weisz nicht, ob der Satz geklaut oder nur eine Variante von “Indianer weinen nicht” ist, tut nichts zur Sache, aber ich selbst brach in Traenen aus, nicht weil ich “emotional” wurde, sondern vor Lachen, als ich im Februar dann sah, wie dela Rosa Polizisten fuer ihr Fehlverhalten vor laufenden Kameras Liegestuetze machen liesz. “Das ist doch Kindergarten!” rief ich und bekam fast Streit mit meiner Frau, die das fuer eine gerechtfertigte Disziplinar-Masznahme hielt.

Damals fiel mir auf, dass ich in der Diskussion den Innen-Minister vermisste. Die PNP untersteht dem Innen-Ministerium, dessen Chef Ismael Sueno von Duterte im April 2017 gefeuert wurde, weil es Schmu gab beim Kauf von Feuerwehr-Autos aus Oesterreich. Nachfolger sollte General Eduardo Año sein, den Duterte aber wegen Marawi nicht von der Armee abziehen konnte. Das Amt wurde von Catalino Cuy verwaltet, anders ausgedrueckt: es gab keinen richtigen Innen-Minister, der eigentlich fuer politische Ausrichtung und Ziel-Vorgabe fuer die Polizei zustaendig waere.

So griff Duterte durch auf dela Rosa, doch das ist nicht Aufgabe eines Praesidenten. Auf der anderen Seite stellte sich die Frage, ob dela Rosa, vom Zwei-Sterne-General in Davao zum Vier-Sterne-General in Manila befoerdert, nicht ueberfordert war, einen fehlenden Innen-Minister zu ueberbruecken.

Marawi ist Geschichte, Año ist Innen-Minister, aber – ist die Krise vorbei? Seit er im Amt ist – offiziell seit November 2018 – habe ich nichts von ihm gehoert, was die Polizei betrifft. Und so befand Duterte Ende 2019: “In den Provinzen ist die Polizei hervorragend. Aber in Manila? Deshalb habe ich keinen PNP[-Chef] ernannt. Ich habe General Año gebeten, sich vorerst darum zu kuemmern. Sie reparieren die Polizei, sodass die Probleme der Filipinos bis zu unserem Ausstieg in zwei Jahren nicht mehr so schwer wiegen.

Solche Formulierungen erinnern mich fatal an eine Episode meines Berufslebens, die ich schon oefter beschrieben habe, aber sie passt nun mal. Ich war ein guter Programmierer, als mein Chef mich zum Leiter einer Gruppe von Organisatoren machte. Das war eine Befoerderung, die mich freute, aber das war ueberhaupt nicht mein Ding, wie ich bald feststellte, und ich litt, bis ein neuer Chef ein Einsehen hatte und mich wieder als Programmierer einsetzte. Den frueheren Chef traf ich spaeter beim Jubilaeum eines Kollegen, sprach ihn darauf an und beklagte mich bei ihm, dass ich eine totale Fehlbesetzung war. “Da haben Sie Recht, Herr Eckard”, lachte er, “aber sonst haette ich nur noch schlechtere Loesungen gehabt.

So wie Año zu dem Posten kam, und was ich bisher eben noch nicht gehoert habe, kann ich mir gut vorstellen, dass auch er in dem Job eine “totale Fehlbesetzung” ist. Ein guter Militaer muss kein guter Politiker sein. Nein, ich hab nichts gegen Militaer, da gibt es viele Leute, die einen guten Job machen, doch das bringt mich zu dem anderen Problem. Duterte nahm dela Rosa aus Davao einst mit nach Manila, weil er dort niemandem traute. Da scheint es immer noch zu hapern, weshalb er sich ja staendig in Davao von Manila erholt, aber darum geht es nicht.

Die Leute, die Dutertes Vertrauen hatten – Ronald “Bato” dela Rosa, Christopher “Bong” Go und Alan Peter Cayetano – kamen mit der Wahl 2019 in den Senat bzw. Cayetano ins Haus und die Opposition ging sang- und klanglos unter. Aber was hat Praesident Duterte nun von dieser “Investition seines Vertrauens”? Von dela Rosa hab ich nichts gehoert, auszer dass er fuer die Todesstrafe ist. Das Bild von “Bong” Go hat sich kaum geaendert: er ist weiter Assistent des Praesidenten, nun halt im Rang eines Senators. Und Cayetano hat seinem Foerderer – wenn “Pork-Fluesterer” Senator Panfilo Lacson Recht hat – einen verseuchten Haushalt untergejubelt.

Bringt das Duterte und sein Land weiter, oder ist das die falsche Frage?

In meinem gestrigen Blog prangerte ich die falschen Vorstellungen des Westens von den Philippinen an, und wenn ich die Kommentare dazu im Netz sehe, traf ich da wohl einen Nerv. Das loest aber nicht die andere Frage, ob jene Filipinos, die zu 80 Prozent hinter Duterte stehen, denn die richtige Vorstellung von ihrem Praesidenten haben.

Wenn im vergangenen Jahr ein Begriff in Mode gekommen ist, dann der des “Fact-Checking”. Von all den Populisten auf der politischen Weltbuehne – bevorzugt genannt Donald Trump, Boris Johnson und Rodrigo Duterte – wird in den (meist oppositionellen) Medien penibel Buch gefuehrt: “Was hat er gesagt, und – stimmt ja gar nicht!

Dass Duterte da genannt wird, kratzt mich nicht. Er sagt von sich selbst: “Wenn ich den Mund aufmache, kommen Luegen raus.” Im September 2019 schrieb ich in diesem Blog, man muesse zwei Dutertes fertig werden. Mit dem Duterte seiner Reden, wozu sein frueherer Sprecher Harry Roque sagte, man duerfe den Praesidenten nie woertlich, man solle ihn aber immer ernst nehmen. Neben seinen Reden gibt es jedoch auch den Duterte seiner Entscheidungen, den man an den “executive orders” messen sollte. An die halte ich mich, die Opposition stuetzt sich auf die Reden. Sie wird sich auch seine Anforderung an einen Polizei-Chef vornehmen und ins rechte Licht setzen –  “Wenn Sie mir sagen, ‘Sir, wenn Sie mich waehlen, sind alle Druglords tot’, dann sind Sie es” – und das Bild des irren Serien-Moerders ausmalen.

Doch die Frage des “Fact-Checking” geht tiefer.

Der Philosoph Juergen Habermas, Vertreter der Frankfurter Schule, mit der ich mich irgendwie nicht recht anfreunden konnte, hat ein Buch geschrieben, von dem bei mir nur der Titel haengengeblieben ist: “Erkenntnis und Interesse”. Grob gesagt geht es darum, dass es keine objektiven Einsichten gibt, sondern dass unsere Interessen uns zu Einsichten fuehren, und entsprechend sehen die “gefundenen Wahrheiten” dann aus. Mir war das zu gesellschafts-theoretisch, mir ging es immer nur um Menschen – in erster Linie mal mich selbst. Was geht in meinem Kopf vor, wenn ich etwas einsehe? So kam ich auf die Philosophie der Geschichten, die meint, dass die Sprache des Menschen dazu dient, die Gedanken des anderen durch Geschichten zu fuehren. Quasi von der anderen Seite her kam Habermas auch zu dieser Einsicht, als er zur Natur des Menschen in einem Artikel zur Philosophischen Anthropologie schrieb: “Die Menschen leben und handeln nur in den konkreten Lebenswelten je ihrer Gesellschaft, niemals in ‘der’ Welt.

Diese objektive Welt, von der das “Fact-Checking” faselt, gibt es nicht. Will man die Ausdrucksweise Hegels nachahmen, so koennte man sagen, “Das Faktum an sich ist ein hoelzernes Eisen”. Es gibt so viele Welten, wie es menschliche Koepfe gibt. Was darin vor sich geht, weisz man nicht, es zeigt sich nur im Handeln des Menschen.

Was der eine oder andere aber sagt, steht auf einem anderen Blatt Papier, das mit der Brille “Erkenntnis und Interesse” gedeutet werden muss, besonders, wenn es mit der Versicherung daherkommt, nichts als die Wahrheit zu sein. “CNNPhil” blendet im TV zu den Nachrichten nun immer den Spruch ein: “News you can trust” – ob’s hilft? Und wogegen?

Betrachte ich von dieser Warte aus die 80 Prozent, die hinter Duterte stehen, und zu denen dela Rosa, Go und Cayetano gehoeren, sehe ich dann, wie es nach Duterte weitergeht?

Mit aller Gewalt auf die Nachfolge als Praesident draengelt Cayetano vor, aber – wird er der Richtung folgen, die Duterte eingeschlagen hat? Ich erinnere die Kolumne von Yen Makabenta vor Kurzem in der “Times” mit der Ueberschrift “Pork-free budget with Cayetano as House speaker is science fiction”. Folgt man Makabenta, so wird mit Cayetano genau der Schlendrian wieder hier einkehren, den Duterte auszuraeumen versucht. Duterte foerdert Cayetano jedoch, warum auch immer, und so hat der gute Chancen, bei den Wahlen 2022 Dutertes 80 Prozent mitzunehmen, oder wenigstens einen guten Teil davon. Werden die dann fuer “pork” sein, wie sie heute gegen “pork” sind?

Man weisz halt nicht, wer eigentlich wofuer ist, und hoffentlich gibt es morgen mal was Neues, sonst werd ich noch ganz melancholisch.

 



 

Gemaesz “Inquirer”, “Manila Times” u.a.

 

Mein Name ist Heiko Eckard. Ich wurde 1946 in Werries – Deutschland – geboren, besuchte das Neusprachliche Gymnasium in Hamm, studierte Philosophie und Mathematik in Münster und arbeitete als Programmierer in München, Nürnberg und Fürth. Nach meiner Pensionierung ging ich 2011 mit meiner Frau Ofelia Villaflores Eckard in ihre Heimat, General Santos City – Philippinen. Auf dieser Seite beschreibe ich, was mir aus der philippinischen Presse ins Auge sticht.

 

Die Presseschau von Heiko Eckard wird mit seiner Einwilligung und Erlaubnis in den PHILIPPINEN MAGAZIN mit NACHRICHTEN veröffentlicht.