…aus der philippinischen Presse

 



 

PRESSESCHAU VON HEIKO ECKARD

Donnerstag, den 05. Dezember 2019

(zum Bild: Huang Xilian ist der neue chinesische Botschafter in Manila)

 

Kleider machen Leute… – …heiszt es, und Gottfried Keller nahm das als Titel einer Novelle, die Pflichtlektuere war, als ich zur Schule ging. So sah ich die Bilder des neuen chinesischen Botschafters in Manila, Huang Xilian, im Vergleich zu seinem Vorgaenger, Zhao Jianhua. Wo Zhao stets durch die bunte chinesische Prachtjacke aufffiel, tritt Huang mit dem weltweiten dunklen Anzug auf. Nur als er sein Beglaubigungs-Schreiben Praesident Rodrigo Roa Duterte uebergab, waehlte er ein Gewand im Mao-Schnitt – grau und oben zugeknoepft. Duterte – nach dem Foto bei “GMANews” – im weiszen Hemd mit offenem Kragen und aufgekrempelten Aermeln gab den Kontrast dazu.

Huang ist ein erfahrener Karriere-Diplomat, dem Verbindungen zu Chinas Staatsrat und Auszen-Minister Wang Yi nachgesagt werden, und der als Botschafter bereits in Brunei und bei der ASEAN im Einsatz war. Duterte und Huang versicherten sich wechselseitig der chinesisch-philippinischen Freundschaft, und mehr ist zum Antritt eines Botschafters auch nicht zu sagen – will man nicht von der Kleidung auf den Mann schlieszen.

Waere da nicht die Pflichtlektuere im Gymnasium, waere ich auch gar nicht darauf gekommen, doch die fiel mir ein, weil die OECD (Organization for Economic Cooperation and Development) bei einem Test von 600 Tsd Studenten in 79 Laendern festgestellt hatte, dass die Philippinen Zweiter geworden sind – von hinten. Dazu wird angemerkt:

Lesekompetenz ist fuer eine Vielzahl menschlicher Aktivitaeten von entscheidender Bedeutung – von der Befolgung der Anweisungen in einem Handbuch – herauszufinden wer, was, wann, wo und warum eine Veranstaltung ist – mit anderen fuer einen bestimmten Zweck oder eine bestimmte Transaktion zu kommunizieren.

Seit ich Lesen und Schreiben in der Evangelischen Gemeinschafts-Schule Werries gelernt habe und in einer Familie aufwuchs, in der Vater, Mutter, und meine zwei Schwestern alle Leseratten waren, kann ich mir ein Leben ohne Lesen nicht mehr vorstellen – aber es geht.

Meine jetzige Familie liest nicht, und so habe ich, als wir 2011 in die Philippinen uebersiedelten, geschaetzt 3 Tsd Buecher dem Unternehmen ueberlassen, das unsere Wohnung nach Auszug besenrein gemacht hat, wobei das meiste in Kartons fuer Altpapier ging. Aus Pietaet nahm ich Gesamt-Ausgaben der philosophischen Klassiker mit: Kant, Hegel, Schopenhauer und Nietzsche. In die hab ich hier aber noch nie reingeschaut, ich weisz ja, was drin steht, hab ich mal studiert. Von unserem Hab und Gut  hatten wir 9 Balikbayan-Boxen vorab in die Philippinen geschickt, sie kamen zwei Monate nach uns an, und enthielten das, was meiner Frau mitnehmenswert erschien.

Ich war hier Kunde im National Bookstore, bis ich deren Angebot durch hatte, und Buchgeschaefte einem weltweiten Trend folgend, sich immer mehr in Lifestyle-Laeden fuer die gehobene Dame entwickeln. Seit irgendwer mal festgestellt hat, dass es mit sich verstaerkender Tendenz viel mehr Leserinnen als Leser gibt, richten die Laeden sich auf die Zielgruppe aus, und so kann man dort mehr Deko-Artikel, feine Glas- und Porzellanwaren als Buecher finden. Nach denen muss man suchen, und ich habe mir neulich, als der National Bookstore in der SM-Mall umsortiert hatte, den Spasz erlaubt eine Angestellte zu fragen: “Where can I find books here?” Sie zeigte mir die kleine Ecke.

Ich verlegte mich auf die Gutenberg-Library und lese nun amerikanische und englische Romane von Autoren, die schon 70 Jahre tot sind. Dann verfaellt das Copyrigth, und man kann sie dort kostenlos herunterladen. Ich bin seit Februar 2015 nun grad beim 396sten Buch. Mit deutschen Romanen bin ich laengst durch. Es gibt da auch nur eine lesenswerte Figur, Theodor Fontane, dessen Gesamt-Ausgabe ich einem Freund geschenkt habe, bevor meine Wohnung entruempelt wurde, weil ich Fontane inklusive der “Wanderungen durch die Mark Brandenburg” komplett gelesen hatte.

Nun sitze ich hier als einziger Leser der Familie, Vorleser aus der philippinischen Presse, und muss lesen, dass kaum jemand in den Philippinen liest.

Da frage ich mich – ist das schlimm?

Die Hinweise der OECD zielen auf wichtige Informationen, die einem entgehen, wenn man nicht lesen kann. Das ist sicher richtig und passt ins Informations-Zeitalter, ist meiner Ansicht nach aber eine beschraenkte Sicht der Welt. Ginge es nur um die zum Leben erforderliche Information, dann ginge etwas verloren, was zum Leben unbedingt dazu gehoert. Es ist diese Ansicht, dass in unserem Kopf nur Informationen herumliegen, die uns geistesarm macht, um mal das Wort “hirntot” zu vermeiden, das Emmanuel Macron nun hinter der NATO-Politik des US-Praesidenten Donald Trump sieht.

Es geht nicht um Informationen, es geht um Wege. Sprache ist nicht dazu dazu da, die Welt oder was zu tun ist, zu beschreiben, sondern die Gedanken des anderen – muendlich oder schriftlich – durch dessen eigene Geschichten zu fuehren, um ihn an den Punkt zu bringen, von dem er selbst das sieht, was man ihm verklickern will. Damit das moeglich ist, muss der sich zuerst eigene Geschichten aneignen, und das geht – mit Geschichten, seien sie erlebt, erzaehlt, vor- oder selbst gelesen.

Ich weisz, man liest keine Handbuecher, wie man auch den Duden oder den Brockhaus nicht liest, sondern man schlaegt darin etwas nach. Was man dort findet macht nur Sinn vor einem Hintergrund, den man nicht aus Duden oder Brockhaus hat. Ich habe dazu an anderer Stelle mal eine Geschichte geschrieben:

Ein Wanderer von einem anderen Stern, der auf der Hard in Fürth notlandet, begegnet dem dort spazieren gehenden Autor, der ihn in erdgebundenes Verhalten einweist. Er muss dies und das machen, sich dies und jenes ansehen. Und er braucht natürlich statt seines defekten Sterngleiters ein Auto.

„Auto?“ fragt der Sternwanderer.

„Auto,“ nickt der Autor, und da sie zufällig vor dem Ersatzteilgeschäft stehen, schickt er den Sternwanderer gleich dort rein.”

“Der besagte Sternwanderer robbt also in das Ersatzteilgeschäft. Der Leser mag annehmen, dass es ein Selbstbedienungsgeschäft ist. Der Sternwanderer nimmt einen Auspuff, sieht das Anschlussstück und findet, dass man es gut mit einem zweiten Auspuff verbinden kann. Er schraubt das Teil zusammen und hat nun etwas, mit dem man in seiner Heimat einigermaßen paddeln könnte, jetzt braucht er nur noch irgendeine Wanne, in die er sich reinwälzen kann.

“Wie weiß der Sternwanderer, wann er „Auto“ hat? 

“Und selbst wenn – was macht er dann? 

“Sterngleiter werden bekanntlich durch holographische Auslenkung der Molekularbewegung eines Deokristalls gesteuert – das gibt es in dem Laden nicht, und wie sollte er darauf kommen, dass Menschen dafür dieses Umrührgerät verwenden, das den Fahrersitz beengt? Außerdem hat der Sternwanderer keine Füße. Er wäre entsetzt, dass man Teile des Antriebsaggregates auf den Boden der Fahrgastzelle verlegt hat – in seiner Heimat wäre ein derart schludriges Teil schon bei der Qualitätskontrolle rausgeflogen.

Die blosze Information, die doch alles beinhalten soll, bedeutet dem nichts, der keine Geschichten hat, in denen er sich damit durchhangeln kann. “Seefahrt ist not!” titelte Gorch Fock einst, “Lesen ist not!” koennte man ueber die OECD-Studie schreiben. Nur so kommt man an Geschichten und ermoeglicht Wege, die sich gedanklich nachgehen lassen, will man Informationen nutzen.

So ist es denn auch mit Nachrichten. Die einzelne Nachricht bedeutet nichts, zeigt man nicht Wege, wie man von dieser zu jener kommt. So gehen die Blaetter heute auf Dutertes Kritik der Vertraege mit den Wasser-Versorgern ein, ueber die ich gestern schrieb. Und so hat der “Tribune” den Aufmacher “Money over public good”, worin er das geldgierige Gebaren der Besitzer von Maynilad und Manila Water darstellt.

Ich weisz nicht, was erforderlich ist, um da eine Verbindung zu Yen Makabentas Kolumne zur Klima-Konferenz in Madrid zu erstellen. Der schreibt:

Laut offiziellen Angaben der UN besteht das eigentliche Ziel der Klimaschutz-Agenda nicht darin, die Welt vor der oekologischen Katastrophe zu retten, sondern den Kapitalismus zu zerstoeren.

“Die Regierungschefs und Aktivisten, die im Dezember an der COP 25 in Madrid teilnehmen, tun dies in der Illusion, dass sie daran arbeiten, die Welt oder die Umwelt zu retten. Das ist das Standard-Narrativ.

“Kritiker behaupten, der UN-Klimaschutz-Agenda gehe es tatsaechlich um Macht und Wohlstand. Genauer gesagt geht es darum, die Macht zu erlangen, den globalen Wohlstand neu zu verteilen – durch CO2-Steuern, CO2-Preis-Festlegungen, CO2-Handel und CO2-Regulierung. Die UN-Beamten haben es selbst gesagt.

Ich lass die Frage “Ob Greta Thunberg das weisz?” mal auszen vor. Mir geht es um das Muster der Preis-Festlegungen seien sie nun fuer Wasser oder fuer CO2, das sich da wiederholt. Das eine brauchen wir, das andere eher nicht, laesst sich aber schwer vermeiden. Doch was auch immer es sein mag, man macht Profit damit, sonst wuerde man sich gar nicht erst damit befassen. Weil man das so nicht sagen kann, baut man eine schoene Geschichte darum, die von dem “weltweiten Konsens der Wissenschaftler” – den Makabenta bestreitet. Wer dem nicht zustimmt, ist der Aussaetzige, mit dem man nicht mal mehr reden muss. In der Geschichte wird aufgehaengt, was man an Informationen bekommt: CO2-Gehalt der Luft, Durchnitts-Temperatur der Erde, Hoehe des Wasserspiegels der Ozeane und so weiter. Das ist toll wissenschaftlich, daran kann man sich durch die Welt hangeln, und da kann kaum einer gegen anstinken.

Tun einige aber: was ist mit Sonnen-Aktivitaeten? Nun, die kann man nicht so gut messen, also lassen wir die mal auszen vor. Das erinnert mich nun wieder an das Muster, mit dem US-Praesident Donald Trump mit unpassenden Informationen umgeht: er ignoriert sie einfach.

Doch das will ich nicht weiter verfolgen, sonst verfalle ich dem, was mein Philosophie-Lehrer Hans Blumenberg einmal “Erklaerungszwangs-Neurose” genannt hat. Hat man einen Ansatz gefunden, dies oder jenes zu verstehen, so erliegt man gern der Versuchung, von dort her nun auch alles verstehen zu wollen.

Geht aber nicht, und deshalb: Schluss fuer heute!

 



 

Gemaesz “GMANews”, “Manila Times”, “Daily Tribune” u.a.

 

Mein Name ist Heiko Eckard. Ich wurde 1946 in Werries – Deutschland – geboren, besuchte das Neusprachliche Gymnasium in Hamm, studierte Philosophie und Mathematik in Münster und arbeitete als Programmierer in München, Nürnberg und Fürth. Nach meiner Pensionierung ging ich 2011 mit meiner Frau Ofelia Villaflores Eckard in ihre Heimat, General Santos City – Philippinen. Auf dieser Seite beschreibe ich, was mir aus der philippinischen Presse ins Auge sticht.

 

Die Presseschau von Heiko Eckard wird mit seiner Einwilligung und Erlaubnis in den PHILIPPINEN MAGAZIN mit NACHRICHTEN veröffentlicht.