…aus der philippinischen Presse

 



 

PRESSESCHAU VON HEIKO ECKARD

Dienstag, den 05. November 2019

(zum Bild: Länder der RCEP)

 

Das Grosze Ganze – Gestern habe ich Praesident Rodrigo Roa Duterte als Ritter der traurigen Gestalt im Kampf gegen die Windmuehlen uebermaechtiger Nachbarn beschrieben. Heute denke ich darueber nach, wie falsch das Bild sein koennte.

Von den 10 Fuehrern der ASEAN-Nationen haben nur 3 am Treffen mit US-Vertretern teilgenommen – Thailand musste wohl als Gastgeber, und ansonsten kamen nur Laos und Vietnam – die anderen schickten ihre Minister. Dass US-Praesident Donald Trump nicht kam, kann vor dem Hintergrund seiner Isolations-Politik verstanden werden, aber – hat er sich damit nicht selbst aus dem Rennen genommen, was “das Grosze Ganze” angeht?

Folgerichtig war Chinas Praesident Xi Jinping auch nicht in Bangkok, der mit Trump ein Abkommen im Handelskrieg haette unterzeichnen sollen. Das war nicht so schlimm, denn das Abkommen wurde als “erster Schritt” bezeichnet, haette den Handelskrieg also nicht wirklich beendet, sondern nur die weitere Eskalation vermieden – oder so. Scheint also nicht so wichtig gewesen zu sein.

Als “Groesze” erschien nur Indiens Premier Narendra Modi zu dem Thema RCEP (Regional Comprehensive Economic Partnership), weil dort ASEAN mit Indien Australien, China, Japan, Sued Korea und Neuseeland ein Freihandelsabkommen plant. Praesident Duterte draengte Indien, dem Abkommen beizutreten, doch Indien zoegert. Einen TV-Bericht bei “AlJazeera” oder “BBC” verstand ich neulich so, dass Indien um seine heimische Milch-Wirtschaft fuerchtet, die nur kleine Betriebe kennt, und mit den Milch-Giganten aus Neuseeland nicht mithalten kann. Ob das alles ist oder nicht auch ein Bammel vor China mitspielt, das RCEP propagiert, kann ich nicht beurteilen. So kam es nicht zum Durchbruch, auch wenn der “Tribune” berichtet, man sei sich einig. In der internationalen Presse lese ich jedoch Ueberschriften, die das Gegenteil sagen – “India decides to opt out of RCEP” oder “India decides to not join RCEP agreement”.

Und hier machen sich nun auch Bauern Sorgen, wie es mit ihnen weitergeht. Minister Ramon Lopez vom DTI (Department of Trade and Industry) will da beruhigend vorsorgen, wie ich im “Tribune” lese: “Der Handelschef sagte, die philippinischen Bauern und Produzenten muessten sich keine Sorgen ueber die Auswirkungen des Freihandelsabkommens machen, da Schutzmasznahmen eingefuehrt wuerden. Fuer einige landwirtschaftliche Produkte wie Mais, Reis und Zucker kann der Handelschef deren Wettbewerbsfaehigkeit aufrechterhalten, weil sie geschuetzt bleiben.” Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen – “Wettbewerb mit geschuetzten Produkten”. Wird das so ein Regel-Verein wie die EU, in dem am Ende jeder gleich ungluecklich ist?

Der Brexit sollte Anlass sein nachzudenken, wie grosz “das Grosze Ganze” eigentlich werden darf, ohne zu zerfallen. Die USA sind mit dem “Trump-Lager” und dem “Demokratischen Widerstand” auf dem besten Weg zum naechsten Sezessionskrieg. Das UK – United Kingdom mit England, Schottland, Wales und diesem Wurmfortsatz Nord-Irland – koennte an der EU-Frage zerbrechen, sodass auch dort jeder seine eigenen Wege geht – mit oder ohne EU. Der Traum einiger Kommentatoren hier, dass man mit RCEP einen Wirtschaftsraum “groeszer als die EU” bilde, koennte zum Alptraum werden.

Eine der geringsten Frage duerfte dabei der COC (Code of Conduct) fuer die SCS (South China Sea) sein, auf den ASEAN nun draengt, womit sich der Leitartikel in der “Times” und der Aufmacher im “Standard” beschaeftigt. Man wird warten muessen, vermutlich bis China sich vollstaendig in der SCS installiert hat, und dann ein COC kommt, der den Unterzeichnern – wozu die USA bestimmt nicht gehoeren – freie Durchfahrt garantiert, wenn sie sich bei der chinesischen Coastguard angemeldet haben.

Eine weitaus groeszere Gefahr sehe ich, wenn ich einen Artikel in der “Sueddeutschen Zeitung” mit der Ueberschrift “Zeitenwende im Unterhaus” betrachte. Nicht nur, dass der charismatische Sprecher John Berkow zuruecktrat, sodass man sein “Ordeeeeeer” nie mehr wird hoeren koennen, sondern “Mehr als 50 Abgeordnete treten nicht mehr an, viele darunter eigentlich zu jung, um ihre Karrieren freiwillig zu beenden. Aber die Hassmails, die Todesdrohungen, die Angst vor Uebergriffen und Anschlaegen haben vor allem weiblichen Abgeordneten das Gefuehl gegeben, dass sie ihr Leben als Abgeordnete schlicht nicht mehr ertragen. Zuletzt war es, zur allgemeinen Ueberraschung, Kulturministerin Nicki Morgan, 46, gewesen, die ihren Rueckzug bekannt gab. Das permanente Klima der Angst, in dem sie lebe und arbeite, habe zu negative Auswirkungen auf ihre Familie, sagte sie merklich erschuettert.” Und auch in Deutschland scheinen Todesdrohungen zum neuen Umgangston zu gehoeren, wie Cem Oezdemir und Claudia Roth erfahren mussten.

Was mich beunruhigt, ist, dass Groesze nicht fuer alles gut ist. In der Evolution halten sich Beutetiere und Beutegreifer zu beider Nutzen die Waage. Haben die Rinder keine Fressfeinde, fressen sie die Steppe kahl, verhungern und sterben aus. Fressen die Loewen alle Rinder, geht es ihnen genauso. Der Mensch ist das Lebewesen, das keine Fressfeinde hat, und komischerweise hat er seine Wirtschaft so ausgelegt, dass sie immer mehr produzieren muss, um profitabel zu sein. Es gab mal viele kleine Brauereien, die Leute in Arbeit brachten. Nun gibt es ein paar Bier-Giganten, und die Beschaeftigten der ausgerotteten kleinen Brauereien arbeiten irgendwas anderes – oder sie saufen sich zu Tode. Das ist auch Indiens Angst um seine Milch-Industrie, die sich die Frage stellt: “Will ich ein paar neuseelaendische Milch-Giganten reicher machen, oder will ich die indische Milch-Wirtschaft erhalten?” In den Philippinen hatte man jahrelang eine NFA (National Food Authority), die den Handel mit Reis regelte – zum groeszt-moeglichen “Nutzen” einiger Bosse der NFA. Mit der Korruption ist Schluss, Reis darf jetzt ohne Erlaubnis eingefuehrt werden – wenn man Zoll bezahlt. Einen Freihandel mit Reis kann es nicht geben, ohne die philippinischen Reisbauern zu vernichten. Wofuer dann die RCEP? Damit man billig Cell-Phones von China kaufen kann?

Da man keine Kriege mehr fuehrt – das waren frueher die Einschnitte, nach denen es mit den betroffenen Laendern wirtschaftlich aufwaerts ging, wenigstens bei den Verlierern, die Sieger mussten den Guertel enger schnallen oder sie verkauften ihre Waffen an andere, die ihren Krieg vor sich hatten – bleibt als Loesung also nur die Selbstzerfleischung.

Ich halte das fuer eine schlechte Loesung.

 



 

Gemaesz “Manila Times”, “Daily Tribune”, “Manila Standard”, “Sueddeutsche Zeitung” u.a.

 

Mein Name ist Heiko Eckard. Ich wurde 1946 in Werries – Deutschland – geboren, besuchte das Neusprachliche Gymnasium in Hamm, studierte Philosophie und Mathematik in Münster und arbeitete als Programmierer in München, Nürnberg und Fürth. Nach meiner Pensionierung ging ich 2011 mit meiner Frau Ofelia Villaflores Eckard in ihre Heimat, General Santos City – Philippinen. Auf dieser Seite beschreibe ich, was mir aus der philippinischen Presse ins Auge sticht.

Die Presseschau von Heiko Eckard wird mit seiner Einwilligung und Erlaubnis in den PHILIPPINEN NACHRICHTEN & MAGAZIN veröffentlicht.