…aus der philippinischen Presse

 



 

PRESSESCHAU VON HEIKO ECKARD

Mittwoch, den 18. September 2019

(zum Bild: Hurra, hurra, der Heiko ist mit seinen Beiträgen wieder da!)

 

Dutertes Welt – Erster von fuenf Teilen.

Die Welt ist alles, was der Fall ist”, beginnt Ludwig Wittgenstein seinen “Tractatus logico-philosophcus”, den er spaeter nicht mehr wahrhaben wollte, weil er spuerte, das ist nur ein Teil dessen, was uns bewegt und worin wir uns bewegen. Andere sind da umfassender vorgegangen, zum Beispiel Jean-Paul Sartre in “Das Sein und das Nichts”, wo das “Sein” dem entspricht, was fuer Wittgenstein “der Fall ist”, und das “Nichts” meint die Gedanken, die man sich dazu so macht, und die dem fruehen Wittgenstein irgendwie entgangen sind. Wir koennen uns die Welt nicht ohne einen einzigen Gedanken vorstellen. Das waere ein intellektuelles Konstrukt, das die Zeit meint, bevor der erste Mensch sich seinen ersten Gedanken machte. Um davon sprechen zu koennen, nennt man das den “Urzustand” des Menschen, und der steht in Opposition zu der “Welt”, in der wir Nachkommen leben, und die immer schon mit Bedeutungen besetzt ist. In Erfahrung zu bringen, wie dieser Urzustand war oder sich anfuehlte, haben wir keinerlei Moeglichkeit, und so wird dieser “Ursprung” und “Urzustand” mit Mythen belegt. Damit ist der Mythos der Horizont des Erfahrbaren, oder anders ausgedrueckt, der Mythos bezeichnet die Grenze unserer Welt. Und das ist der springende Punkt: die Grenze gehoert mit dazu. Keine Welt ohne Mythos, und damit ist die Welt halt etwas mehr als “alles, was der Fall ist”.

Da der Mythos aber etwas Ausgedachtes ist, das in der wirklich wahren Welt nicht auszumachen, nach Sarte sogar das “Nichts”, ist, laesst sich darueber trefflich streiten. Ein solcher Streit entbrannte in der Philosophie, als sich Hans Blumenberg in “Die Legitimitaet der Neuzeit” und spaeter in “Arbeit am Mythos” gegen die von Karl Loewith vertretene Auffassung wandte, der moderne Fortschrittsglaube sei nur eine verweltlichte Neuauflage des religioesen Erloesungsglaubens.

Mit diesem Streit befasst sich John Davenport 1996 in “Blumenberg on History, Significance, and the Origin of Mythology”. Der Essay ist frei im Internet – “de.scribd.com/document/138320396/Davenport-Blumenberg-0n-History” – falls sich jemand einen eigenen Eindruck verschaffen moechte. Er wird dort mit 75 Seiten angegeben. Ich habe ihn fuer mich auf dem Tablet mit Schriftgrad 22 Punkte zur Lektuere aufbereitet, und dann sind es 250 Seiten.

Wie ich der Datei-Beschreibung im PC entnehme, hatte ich den Essay 2014 heruntergeladen, weisz heute aber nicht mehr, was ich damit im Sinn hatte. Das passiert mir oefter. Das fuer meine Gedanken entscheidende Buch “In Geschichten verstrickt” von Wilhelm Schapp hatte ich mal gekauft, und es stand 20 Jahre im Regal, bis ich es las und den Anstosz fuer meine Philosophie der Geschichten bekam.

Auf den Streit Blumenberg vs Loewith will ich nicht naeher eingehen. Es geht darum, ob nach Loewith in der Entwicklung des Menschen Inhalte von einem Mythos in den nachfolgenden Mythos uebernommen werden, also inhaltliche Konstanten, Archetypen ausmachbar sind, die den Kern des Menschlichen bilden, oder ob nach Blumenberg der Widerstreit der gesetzten Inhalte eines Mythos diesen mit der Zeit wandelt und, wie von “unsichtbarer Hand” geleitet Neues hervorbringt. Der Streit selbst kann dabei als mythischer Kampf von “Schoepfung vs Evolution” gesehen werden. Das mag von universitaerem Reiz sein, mich interessiert etwas anderes.

Es geht nicht immer um die ganze Welt. Das ist ein Hollywood-Mythos, in dem der Held eines Filmes immerzu die Welt retten muss. Meistens ist das dann auch ein Amerikaner, und das naehrt zugleich wieder einen anderen Mythos, dass naemlich die USA die Weltpolizei seien. Wie jeder Mythos ist auch der blosz ausgedacht und laesst sich in der wirklich wahren Welt so nicht ausmachen. Man sollte aber “Supermann”, “Captain America” & Co. nicht blosz fuer bloede Comic-Figuren halten. Ich habe gerade die Buecher der “Graustark”-Reihe des populaeren US-Schriftstellers George Barr McCutcheon gelesen. Die gibt es kostenlos in der Gutenberg-Library, wo ich mich mit Lesestoff versorge. Graustark ist ein fiktives Land in Osteuropa, auf keiner Landkarte zu finden, und in diesen Liebes-Abenteuer-Geschichten taucht irgendwo zwischen Sankt Petersburg und Wien ein Amerikaner auf, der die Prinzessin heiratet (“Graustark”, 1901), eine Amerikanerin, die das Land vor einem Krieg bewahrt und den Prinzen des Nachbarlandes heiratet (“Beverley of Graustark”, 1904), ein Amerikaner, der eine Revolution niederschlaegt und die Nanny des jungen Prinzen heiratet (“Truxton King”, 1909), ein Amerikaner, der Graustark aus einer finanziellen Krise rettet und dessen Tochter dann doch keinen Prinzen heiratet (“The Prince of Graustark”, 1914). Wer 100 Jahre nach dem Erscheinen dieser Romane darin Denk-Muster heutiger US-Politik sieht, kann den Mythos in alltaeglichen Geschichten erkennen.

Festzuhalten bleibt die Funktion des Mythos, der den Horizont des Erfahrbaren, die Grenzen der Welt ausmacht. Es ist der Punkt, ueber den hinaus nicht gefragt werden darf. In der Religion bezeichnet das den Katechismus, die Grundsaetze des Glaubens, die das Sakrale vom Profanen trennen. Wer ueber sie hinausgeht, sieht sich ploetzlich auszen vor, und mit Abtruennigen des Glaubens gehen Religionen nicht zimperlich um. Die Geschichte trieft da von Blut und riecht nach verbrannten Ketzern.

Diesen Horizont hat auch jeder Einzelne, ueber den man nicht hinausgehen darf. Wittgenstein warnt an anderer Stelle, und da geht er ueber den “Tractatus” hinaus: “Spiele nicht mit den Tiefen des Andern!“ Das Problem ist, dass man diesen Horizont, die Grenze zum Unantastbaren beim Einzelnen oft erst erkennt, wenn man sie verletzt hat. Um diese Grenzen zu wissen, waere ein Schluessel zum Verstaendnis eines Menschen.

Ich will in diesem Blog Duterte verstehen, und da waren meine “Traurigen Gedanken” Anstosz, ob wir wirklich so dumm sind “wie ein Schwarm daemlicher Goldfische”. Dabei geht es nicht um die mentalen Faehig- oder Fertigkeiten des Einzelnen, die sind unerheblich. Georg Wilhelm Friedrich Hegel schreibt in der Vorrede zu seiner Rechtsphilosophie: “Was vernuenftig ist, das ist wirklich; und was wirklich ist, das ist vernuenftig.” Und er erlaeutert: “Das was ist zu begreifen, ist die Aufgabe der Philosophie, denn das, was ist, ist die Vernunft. Was das Individuum betrifft, so ist ohnehin jedes ein Sohn seiner Zeit; so ist auch die Philosophie, ihre Zeit in Gedanken erfasst.

Es sind die Mythen, die das vormenschliche Chaos zur Welt machen. Sie sind die Spuren der Vernunft in der Wirklichkeit, oder anders: die Welt ist so, wie wir das gewollt haben, da kann sich keiner rausreden.

Vor dem Hintergrund interessiert mich, in welchen Geschichten Rodrigo Duterte sich bewegt. Welche Mythen machen ihm zu schaffen? An welchen arbeitet er selbst?