…aus der philippinischen Presse

 



 

PRESSESCHAU VON HEIKO ECKARD

Samstag, den 14. September 2019

(zum Bild: Die Philippinen sind der 8. größte Palmöl-Importeur der Welt. Quelle: https://www.researchgate.net)

 

Traurige Gedanken – Es begann mit einem Interview in der “Zeit”, das Sophia Schirmer mit dem Klimaforscher Christoph Schneider fuehrte. Der spricht uebrigens nicht von der “Klimakrise”, das sei ein politischer Begriff, und so weit sei er als Wissenschaftler noch nicht, das zu beurteilen. Er spricht vom “Klimawandel”, den niemand leugnen koenne – womit ueber dessen Ursachen nichts impliziert und offen ist, ob man schon ueber den “point of no return” hinaus ist. In diesem Interview fiel von Schneider der Satz, der mich interessierte:

Es macht mich traurig, wie dumm wir sind. Kollektiv verhalten wir uns wie ein Schwarm daemlicher Goldfische.

Den Beweis dazu lieferten die Kommentare zu dem Interview gleich mit. Als ich dahin scrollte, las ich zu den ersten Eintraegen: “Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Beleidigungen.”, “Der Kommentar, auf den Sie Bezug nehmen, wurde bereits entfernt.”, “Entfernt. Bitte formulieren Sie Kritik sachlich und differenziert.”, “Entfernt. Bitte bleiben Sie beim Thema.” und so weiter und so weiter…

Es ist unmoeglich eine Diskussion zu fuehren, ohne dass die sofort kaputtgemacht wird. Man kann sich in Zynismen retten – ich hab sie auch gebraucht, der Philosoph beginnt stets bei sich selbst – und festellen, der Mensch sei vernunftbegabt, was aber nicht bedeutet, dass er von dieser Begabung auch Gebrauch macht. Meist faellt ihm das erst ein, wenn er ueber den “point of no return” schon hinaus ist.

Aber hilft Zynismus, oder ist das auch nur so etwas Homoeopathisches, sich selbst ruhig zu stellen – garantiert ohne Nebenwirkungen und hilft, wenn man dran glaubt?

Mir geht es nicht um die Klima-Debatte, auch wenn Tony La Viña im “Standard” in seiner Kolumne unter der Ueberschrift “We need to act right now” fuer die “Friday for Future”-Bewegung plaediert, die Greta Thunberg losgetreten hat. Er findet im Hinblick auf diesen Monat anstehende Klima-Konferenzen der UN und der Jugend in New York: “Aber es koennen nicht nur junge Leute sein. Es muessen wir alle sein, besonders vielleicht diejenigen von uns, die die meiste Zeit ihres Lebens friedlich und auf der Basis des ‘business as usal’ gearbeitet haben, und die selten wirklich ernsthafte Stoerungen in unserer Karriere und unseren Plaenen erlebt haben. Unsere Aufgabe ist es, das ‘business as usual’ zu stoeren. Wenn der Planet seine Komfortzone verlaesst, muessen wir dasselbe tun. Wir sehen uns am 20. September auf den Straszen!

Diesen Gedanken heilsamer Stoerung hatten wir schon in der 68er-Bewegung unter dem Schlagwort “Macht kaputt, was euch kaputt macht”. Das fuehrte zu Baader-Meinhof, und das war das Ende vom Lied. Heute formiert sich eine “Extinction Rebellion”, von dessen Mit-Gruender Roger Hallam ich im “Spiegel” grad lese, dass er in London festgenommen wurde, weil eine Aktion “Heathrow Pause” geplant war, bei der man mit Spielzeug-Drohnen den Flugverkehr lahmlegen wollte: “Der Flughafen Heathrow ist einer der groeszten CO2-Emittenten des Landes, eine geplante dritte Laufbahn wuerde den Ausstosz weiter erhoehen.” Was soll da herauskommen? Anarchie? Das laesst sich keine Polizei der Welt gefallen.

Aber ich will ja gar nicht ueber das Klima reden, auch wenn sich das anbietet.

Der Leitartikler der “Times” befasst sich heute mit den Feuern in Indonesien und schreibt: “Die Braende in Indonesien kommen jedes Jahr vor allem deshalb vor, weil Land fuer die Pflanzung von Oelpalmen gerodet werden muss; Indonesien ist der weltweit groeszte Produzent von Palmoel. Aufgrund des fruchtbaren vlkanischen Bodens und des idealen Klimas in weiten Teilen Indonesiens wachsen Pflanzen aller Art sehr schnell. Flaechen, die in einer Jahreszeit durch Verbrennen gerodet werden, werden in der Regel innerhalb von drei oder vier Jahren wieder bewachsen, sodass die Rodung zu einem kontinuierlichen Prozess wird.” Es brennt nicht nur der Amazonas, doch darauf will ich nicht eingehen. Interessant ist der Hinweis, dass die Philippinen einer der groszen Abnehmer sind: “Der inlaendische Bedarf an Palmoel wird hier kaum gedeckt, obwohl dies leicht moeglich ist. Die Importe sind in den letzten sieben Jahren in die Hoehe geschossen: Von 234.000 Tonnen im Jahr 2012 importierte das Land im vergangenen Jahr 1,225 Millionen Tonnen. Bislang wurden 2019 1,25 Millionen Tonnen Palmoel importiert.

Tja, da muessen wir wohl auch die Rauchschwaden hinnehmen, die nicht nur die Staedte in Indonesien vergiften, sondern bei (un)guenstigem Wind mitunter auch in die Philippinen rueberwehen.

Das ist nicht alles. Im TV sehe ich derzeit nur tote Schweine, die den Marikina-River hinabtreiben. Irgendwer entsorgt die Opfer von ASF (African Swine Fever) auf fuer ihn bequemste Weise – und sorgt so womoeglich fuer die Verbreitung des Virus.

Ein anderes Thema sind die Notstands-Rechte, die Transport-Minister Arthur Tugade fuer den Praesidenten fordert, um das Verkehrs-Problem in Manila zu loesen. Senatorin Grace Poe, Vorsitzende des Committee on Public Service will jedoch erst einen Masterplan sehen, denn ohne den seien die Rechte sinnlos. Kontert Tugade: “Madame denkt zu hoch von sich. Fuehlt sie sich auch gegenueber der Exekutive zu ihrem Machtgefuehl berechtigt? Jesus Maria… Wir alle wissen, dass sich Madame Grace wieder auf ihre Kandidatur als Praesidentin vorbereitet. Lasst uns das nicht leugnen, das ist ihr Stil. Sie nutzt [die] Transport [-Debatte] als Plattform im Senat als ‘Thriller’, sodass sie gesehen und gehoert werden kann.

Wenn man zur Sache nichts weiter zu sagen hat, greift man halt den Menschen an. Das ist in der Politik auch “business as usual” und hilft wie ueblich nie. Und der Vorwurf, sich nur als Kandidat fuer 2022 profilieren zu wollen, ist derzeit ein Standard-Vorwurf gegen jeden, der der Regierung widerspricht. Ich wuesste auch gern, wie die Plaene aussehen, die Monsieur Tugade angeblich hat, und ob sie so weit gehen, wie der Leitartikler des “Business Mirror”, der unter dem Schlachtruf “Get out of Metro Manila now” das vorschlaegt, was mir auch schon eingefallen war: verlegt die Hauptstadt nach auszerhalb! Alles unterhalb dieses Levels heiszt nur an den Symptomen herumpfuschen, statt das Uebel an der Wurzel zu packen.

Doch kommen wir auf die Eingangs-These zurueck: sind wir echt so dumm “wie ein Schwarm daemlicher Goldfische”?

Das geht nicht auf den Einzelnen, das zielt auf das Miteinander. Ein biszchen erinnert es mich an den Spruch eines Lehrers aus meiner Schulzeit: “Wir koennen miteinander singen, aber wir koennen nicht miteinander denken – also: Ruhe!

 



 

Wir brauchen Geschichten, wie es weitergeht. Fakten, wie es nicht geht, und die Attituede des “So nicht!” fuehren zu Gewalt oder zu gar nichts. Ich hab auch keine neue Geschichte, ich haette sie liebend gern statt dieser traurigen Gedanken geschrieben.

Und so bleibt dem Philosophen nur nachzudenken, warum das so ist, wie es ist. Es geht nicht um die metaphysische Grundfrage aus Martin Heideggers Antrittsvorlesung von 1929 in Freiburg, wo er sich oeffentlich fragte: “Warum ist ueberhaupt Seiendes und nicht vielmehr Nichts?” Wahrscheinlich waere Heidegger tot umgefallen, wenn ihm jemand darauf geantwortet haette. Hier geht es darum, wie es sein kann, dass die Evolution funktionierte und so vor sich hinlebte, bis der Mensch dabei herauskam. Von da an gings bergab. Die Philosophie der Geschichten hat ihre Antwort: Tiere und Menschen bewegen sich in Geschichten. Der Unterschied ist nur, Menschen koennen ihre Geschichten weitererzaehlen. Darauf beruht der kulturelle, technische und wirtschaftliche Fortschritt. Das Kriterium fuer den Einzelnen, eine neue Geschichte zu akzeptieren, ist dabei, dass sie passen muss, sonst wird sie abgewehrt. So wird das Interesse des Einzelnen gefoerdert, denn jeder hat seine eigenen Geschichten, seinen eigenen Kopf, und – darueber gibt es nichts.

Dass das nicht reicht, hat man mit der Zeit gemerkt, und so kam Demokratie dabei heraus, wenigstens ist die halbwegs verbreitet. Es wird also abgestimmt. Wie abgestimmt wird, richtet sich aber nicht nach einem allgemeinen Interesse, sondern nach wie vor nach dem eigenen Kopf, der eigenen Interessen folgt. Das laesst sich auch nicht aendern. Der Mensch ist von der Natur so ausgelegt. An die “Vernunft” des anderen zu appellieren, wenn es darum geht eigene Interessen zu vertreten, ist nichts als der Griff nach dem Strohhalm, den das Sprichwort dem Ertrinkenden zuschreibt, und wovon wir wissen: es wird nicht helfen, er wird trotzdem ersaufen. Und wenn man nun an die eigene “Vernunft” appellierte? Das ist ein Spiegel-Gefecht, man kann sich selbst nicht austricksen.

Also: es ist, wie es ist, es sei denn jemand tut was. Und damit bin ich bei Greta Thunberg, von der ich in der “Wikipedia” lese, dass bei ihr nach einer depressiven Pase das Asperger-Syndrom festgestellt wurde. Ich hatte mich da selbst auch im Verdacht, weil es mir schwerfaellt, auf andere zuzugehen. Eines der Symptome ist, nicht-sprachliche Signale – Gestik, Mimik, Blickkontakt – bei anderen Personen zu erkennen. Doch will ich hier nicht auf Psychologie herumreiten, sondern bei der Philosophie bleiben.

Und von daher deute ich dies so, dass es manchen Leuten leicht faellt, die Geschichten zu sehen, in denen sie sich bewegen. Das hat prompt zur Folge, was man vom sprichwoertlichen Tausendfueszler kennt, wenn man den fragt, wie er das mit seinen Beinen hinkriegt – er stolpert. Man bewegt sich nicht mehr ungezwungen in den eigenen Geschichten, man wirkt unbeholfen und linkisch. Da man aber zugleich die Geschichten klar sieht, in denen andere sich bewegen, und darueber reden oder schreiben kann, werden sie von denen “als wunderlich wahrgenommen”, wie es die “Wikipedia” ausdrueckt.

Das hilft ihnen aber nicht, neue Geschichten aus dem Boden zu stampfen. Sie sehen nur, wie Dinge laufen, und so wundert es mich nicht, dass Greta Thunberg selbst von einigen als “Seherin”, als die Kassandra unserer Zeit betrachtet wird.

Man muss Mitleid mit ihr haben. Geschichten zu sehen, in denen man sich selbst bewegt, und in denen andere sich bewegen, ohne sie zu sehen, kann depressiv machen – oder auch nur traurig, wenn es einen nicht so schlimm erwischt hat.

Saysay sa adlaw – Kapoy kaayo ang maminaw sa balik-balik nga estorya. 

kapoy muede, lustlos, ermeuden, kaayo sehr, ang best. Art., minaw zuhoeren, aufpassen + ma… Z/M maminaw wird, kann aufpassen, sa von, balik zurueck Verdoppelung balik-balik wiederholen, andauernd, nga Verbinder, estorya Geschichte

Satz des Tages – Es ist langweilig immer wieder dieselbe Geschichte zu hoeren.

 



 

Gemaesz “Zeit”, “Manila Standard”, “Spiegel”, “Manila Times”, “PhilStar”, “Business Mirror”, “Daily Tribune”, “Wikipedia” u.a.

 

Mein Name ist Heiko Eckard. Ich wurde 1946 in Werries – Deutschland – geboren, besuchte das Neusprachliche Gymnasium in Hamm, studierte Philosophie und Mathematik in Münster und arbeitete als Programmierer in München, Nürnberg und Fürth. Nach meiner Pensionierung ging ich 2011 mit meiner Frau Ofelia Villaflores Eckard in ihre Heimat, General Santos City – Philippinen. Auf dieser Seite beschreibe ich, was mir aus der philippinischen Presse ins Auge sticht.

Die Presseschau von Heiko Eckard wird mit seiner Einwilligung und Erlaubnis in den PHILIPPINEN NACHRICHTEN & MAGAZIN veröffentlicht.