…aus der philippinischen Presse

 



 

PRESSESCHAU VON HEIKO ECKARD

Freiag, den 23. August 2019

(zum Bild: Die abscheulichen Verbrechen des ex-Bürgermeisters Antonio Sanchez)

 

Gelebte Gedankenlosigkeit – In “Das Sein und das Nichts” schreibt Jean-Paul Sartre: „Ich kann meinen Tod weder entdecken noch erwarten, noch eine Haltung ihm gegenueber einnehmen, denn er ist das, was sich als das Unentdeckte enthuellt, was alle Erwartungen entwaffnet, was sich in alle Haltungen und besonders in die, die man ihm gegenueber einnaehme, einschleicht, um sie in entaeuszerte und erstarrte Verhaltensweisen umzuwandeln, deren Sinn fuer immer anderen als uns selbst anvertraut ist. Der Tod ist ein reines Faktum wie die Geburt; er geschieht uns von drauszen und verwandelt uns in Drauszen. Im Grunde unterscheidet er sich in keiner Weise von der Geburt, und die Identitaet von Geburt und Tod ist das, was wir Faktizitaet nennen.

Ich weisz, die Art sich auszudruecken, mag dem einen oder anderen ungewohnt sein. Wichtig daran ist die Feststellung, dass es bei dem Tod um ein Verhalten geht, “deren Sinn fuer immer anderen als uns selbst anvertraut ist”. Der Verstorbene hat damit nichts zu tun, der hat es hinter sich, und das bringt einige dazu zu sagen, man koenne sie ruhig ins Meer kippen, wenn sie tot sind. So geben sie sich den Schein intellektueller Ueberlegenheit ueber eine banale Angelegenheit. Tatsaechlich ist es bodenlose Gedankenlosigkeit. Der Mensch ist das Lebewesen, das seine verstorbenen Artgenossen bestattet. Dass er sie nicht einfach liegen laesst, unterscheidet ihn ganz wesentlich vom Tier, und das ist der Kern von Sartres Gedanken an der Stelle: der Sinn liegt bei den anderen, den Hinterbliebenen, und ich vermute, dass hier der Ursprung der Religionen liegt. Der Verstorbene lebt in den Geschichten fort, die von ihm erzaehlt werden. Man kann auch Seele dazu sagen, dann landet man in der Theologie und die Trauer wird zur Andacht.

Mit diesem Unverstandenen, das man “weder entdecken noch erwarten” kann, werden Menschen fertig, indem sie sich darueber einigen, wie sie damit umgehen. Dieses Verhalten ist ihre Angelegenheit, an die man nicht ruehren darf. Es gehoert zu den Tiefen des Menschen, vor denen Ludwig Wittgenstein warnt: “Spiele nicht mit den Tiefen des Andern!“ Die Trauer gehoert den Hinterbliebenen, und das gilt umso mehr, wenn der Tod eben nicht “von drauszen geschieht”, sondern die Tat eines anderen war.

Am 28. Juni 1993 kidnappten Mitarbeiter von Antonio Sanchez, Buergermeister von Calauan, Laguna, die College-Studentin Eileen Sarmenta und ihren Freund Allan Gomez vom nahegelegenen Campus und “schenkten” sie ihrem Chef. Der vergewaltigte sie und ueberliesz sie danach – “ich bin fertig mit ihr” – seinen Mitarbeitern “zur weiteren Benutztung”. Die vergingen sich gemeinsam an ihr, ermordeten sie und ihren Freund und warfen die Leichen irgendwo weg.

Sanchez und Komplizen wurden 1995 nach einem 16-monatigen Prozess zu siebenfach “reclusio perpetua” verurteilt, was heiszt, dass sie 20 bis 40 Jahre eingesperrt sind. Das wird in den Berichten zwar mit “life sentence” beschrieben, doch da fehlt diese 40-Jahre-Klausel, die berichtet wird. Sanchez bekam ein Jahr spaeter, wegen Mordes an zwei politischen Gegnern, zwei “reclusio perpetua” noch dazu. Im Gefaengnis fiel er dadurch auf, dass man 2010 Shabu im Wert von 1,5 Mio Peso in seiner Zelle in einer “Mama Mary”-Statue versteckt fand. 2015 fand man, dass er seine Zelle komfortabel mit Air-Con und Flat-Screen TV eingerichtet hatte.

Im Jahre 2013 wurde ein Gesetz erlassen, das eine Neu-Berechnung der Straf-Minderung durch gutes Verhalten waehrend der Haft erforderlich machte. Zwar gilt der Grundsatz des Anselm von Feuerbach, “nulla poena sine lege ~ keine Strafe ohne Gesetz”, wonach nicht bestraft werden kann, was nicht zuvor per Gesetz verboten wurde, aber das heiszt in der Umkehrung auch, dass verhaengte Strafen nicht nachtraeglich geaendert werden koennen (das ginge nur durch praesidiale Begnadigung). Doch genau diesen rueckwirkenden Effekt bestaetigte nun das Oberste Gericht im Juni diesen Jahres, was hiesz, dass das Strafmasz der Einsitzenden neu berechnet werden musste.

Ich weisz nicht, wer es zuerst meldete, ich fand Meldungen vom 20. August bei “Inquirer” und “Business Mirror”, dass nach der neuen Berechnung dann auch Antonio Sanchez demnaechst nach Hause gehen koenne. Im Nu waren die Medien voll davon, in “CNNPhil” und “GMANews” gab es kaum andere Nachrichten und die “Times” macht heute damit auf, sodass ich mich damit befassen muss.

Zwar sagt inzwischen Bilibid-Chef Nicanor Faeldon, dass Sanchez wegen seines Fehlverhaltens waehrend der Haft nicht fuer Neu-Berechnung in Frage kaeme, und Justiz-Minister Menardo Guevarra, der zuerst von der Masznahme fuer Sanchez zitiert wurde, streitet dies mittlerweilse ab, weil “hineous crimes ~ abscheuliche Verbrechen” ausgeschlossen seien.

Ich frage mich an der Stelle, wem diese “Nachricht” zu verdanken ist, die Wellen geschlagen hat. Senator Franklin Drilon drohte eine Untersuchung des Falles an, sollte das Justiz-Ministerium weiter ueber die Entlassung des Sanchez nachenken. Und in der “South China Morning Post” findet sich prompt ein Hetz-Artikel von Alan Robles, der darauf hinweist, dass unter Praesident Rodrigo Roa Duterte ja auch andere Inhaftierte einfach freigelassen wurden, wie Gloria Arroyo, Juan Ponce Enrile und Bong Revilla, und Imelda Marcos, letzten November zu 77 Jahren Gefaengnis verurteilt, laufe auch immer noch frei herum. Und der Artikel schlieszt mit dem Zitat, dass Duterte in seiner Zeit als Buergermeister von Davao bei dem Mord an einer amerikanischen Missionarin gesagt hat: “Ich war wuetend, weil sie vergewaltigt wurde, das ist eine Sache. Aber sie war so schoen, der Buergermeister haette der Erste sein sollen. Was fuer eine Verschwendung.

Die Gedankenlosigkeit, mit der dies alles geschieht, fasziniert mich. Ich weisz nicht, ob Duterte dieses Zitat bereut. Es bei diesem Fall wieder zu bringen ist durchsichtiges Kalkuel des Duterte-Gegners bei der “SCMP”, welchen Eindruck der Leser dort haben soll.

Aber auch die Hinterbliebenen nun vor die Kameras zu zerren – was will man von denen? Kann man ihnen ihre Trauer nicht lassen?

Spiele nicht mit den Tiefen des Andern!

Kein Visayan heute… – … hab nicht den Kopf dafuer.

 



 

Gemaesz “CNNPhil”, “GMANews”, “Manila Times”, “PhilStar”, “Manila Standard”, “PNA”, “Rappler”, “Inquirer”, “Business Mirror”, “SCMP” u.a.

 

Mein Name ist Heiko Eckard. Ich wurde 1946 in Werries – Deutschland – geboren, besuchte das Neusprachliche Gymnasium in Hamm, studierte Philosophie und Mathematik in Münster und arbeitete als Programmierer in München, Nürnberg und Fürth. Nach meiner Pensionierung ging ich 2011 mit meiner Frau Ofelia Villaflores Eckard in ihre Heimat, General Santos City – Philippinen. Auf dieser Seite beschreibe ich, was mir aus der philippinischen Presse ins Auge sticht.

Die Presseschau von Heiko Eckard wird mit seiner Einwilligung und Erlaubnis in den PHILIPPINEN NACHRICHTEN & MAGAZIN veröffentlicht.