…aus der philippinischen Presse

 



 

PRESSESCHAU VON HEIKO ECKARD

Freitag, den 21. Juni 2019

(zum Bild: Duterte der Drachenflüsterer)

 

Der Drachenfluesterer – Manchmal reizt mich einfach nur ein Wort, eine Kolumne zu lesen, obwohl mich die Ueberschrift eher kalt laesst. So hielt ich “Duterte und die Stabilitaet der Welt” fuer maszlos, was die Politik Dutertes betrifft. Doch die Kolumne begann so: “Die Stabilitaet der Welt haengt ab von der Faehigkeit von Praesident Rodrigo Duterte und seines Nachfolgers, mehr ein Drachenfluesterer zu bleiben, als zuruek zu fallen in der Drachenstocherer, wie sein Vorgaenger, Benigno Aquino III, dessen historische Idiotie den dazu brachte China mit Nazi-Deutschland zu vergleichen.

Der “Drachenfluesterer” ging ins Ohr, “gefluestert” von Sass Rogando Sasot, der ersten transsexuellen Filipina, die 2017 eine regulaere politische Kolumne in der “Manila Times” bekam, wie sie sich selbst vorstellt. Sie lebt seit 2011 in den Niederlanden und lehrt seit 2018 an der Uni Maastricht Geschichte. Ich zitierte sie schon oefter.

Der Drachenfluesterer gestern blieb haengen. Es geht um die Lage in der SCS (South China Sea), die Sasot der Oxford-Historikerin Margaret MacMillan folgend mit England und Deutschland vor dem Ersten Weltkrieg vergleicht. Als Deutschland Frankreich angriff, den Puffer Belgien ueberrannte, kam es Englands Kueste zu nahe, das seinerseits Deutschland den Krieg erklaerte.

Umgemuenzt auf die SCS geben in diesem Vergleich die Philippinen den Puffer zwischen dem Drachen China und dessen Widerpart, den USA ab. Sasot verweist dabei auf den Politiker Claro M. Recto, der in der Zeit des Kalten Krieges vor einer Verquickung mit amerikanischen Interessen warnte und in einer Rede sagte: “Wie ein kleiner Hund, zockeln wir hinter Uncle Sam her, wo immer der in Asien herumlaeuft, und bellen hier und da die Kommunisten an mit unserem duennen, fast unhoerbaren Gebell.” Vor diesem Hintergrund urteilt Sasot heute: “So weit tut Duterte gut daran, den Staatsmann zu geben, der sich weigert Sklave einer oeffentlichen Meinung zu sein, die von Medien geformt wird mit einem unermuedlich Gelben Journalismus. Seine Marke der Diplomatie vermeidet Dogmen, ist ueberlegt und pragmatisch. Er weigert sich, den Drachen aufzustoeckern (poke), wie diese Ahnungslosen ihn tun machen wollen.” Sasot schlieszt ihre Kolumne: “Fuer jene, die von einem infantilen Nationalismus infiziert sind, ist Dutertes Annaeherung an China Feigheit. Fuer die Gebildeten pflanzt seine Recto-aehnliche Auszen-Politik den Samen des Schutzes gegen eine Tragoedie – dass die Philippinen von den USA in einem Stellvertreter-Krieg mit China benutzt werden. Und weil er so die Destabilisierung des See-Handels durch die SCS vermeidet, erweist Duterte dem Rest der Welt einen groszen Dienst, indem er eine Krise verhindert, die Welt-Handel und -Frieden ernsthaft untergraben wuerde. Doch wie lange?

Die Ueberlegungen sind interessant, sonst haette ich sie hier auch gar nicht referiert, nur stoert mich nun genau das Bild, das mich anfangs gereizt hat. So lobenswert es sein mag, dass Duterte sich nicht zu unueberlegten Aktionen hinreiszen laesst, doch das Bild des Drachenfluesterers beinhaltet etwas mehr. Und da stellt sich mir die Frage, ob Duterte auch das Ohr der Chinesen hat.

Ein Test kann der Zwischenfall bei der Recto (Reed) Bank sein. Die historische Ironie dabei ist, dass der Name Recto-Bank nach dem erwaehnten Politiker Claro M. Recto gewaehlt wurde, der sich von dem amerikanischen Halsband loesen wollte, und dies geschah im Juni 2011, unter dem amerika-hoerigen Benigno Aquino. Wie Rigoberto Tiglao heute in seiner Kolumne in der “Times” feststellt, gab es da massive Interessen des Albert del Rosario, der als Teilhaber einer Firma dort nach Oel suchen wollte. Er war seit Januar 2011 Aquinos Auszen-Minister – ein Schelm, wer da von einem Interessen-Konflikt spricht, denn alles geschah im “nationalen Interesse”.

In eben diesem “nationalen” oder “nationalistischen” Interesse ueberschlagen sich derzeit nun die Medien, und auch Politiker – unterhalb des Praesidenten – fuehlt sich berufen zu der Sache zu reden. Viel Vernuenftiges habe ich da nicht gehoert, eher gar nichts – wobei ich die diplomatische Protestnote nicht kenne, die Auszen-Minister Teodoro Locsin nach eigener Aussage “abgefeuert” hat. Doch Praesident Duterte hat deutlich gemacht, dass er die andere Seite dazu hoeren will. Das ist nicht nur die Wahrung des Rechts-Grundsatzes, dass die andere Seite gehoert werden muss. Das ist zugleich die Aufforderung, sich dazu nun bitte auch zu aeuszern. Ob das gehoert wird?

Wie ich heute in allen Blaettern lese, hat China genau das gestern frueh bereits getan. Bei einer Presse-Konferenz in Peking sagte der Sprecher der Auszen-Ministeriums Lu Kang: “Um eine saubere Loesung zu finden, schlagen wir eine gemeinsame Untersuchung zu einem fruehen Zeitpunkt vor, so dass beide Seiten die jeweiligen Erkenntnisse austauschen und die Angelegenheit ordentlich handhaben koennen durch freundliche Beratung auf Basis wechselseitig anerkannter Untersuchungs-Ergebnisse.” Praesident Duterte “begrueszt eine gemeinsame Untersuchung und eine fruehe Loesung des Falles”, liesz sein Sprecher Salvador Panelo wissen. Man warte nur auf eine formelle Einladung seitens der Chinesen.

Na, das ist doch mal was.

 



 

Man scheint auf den Drachenfluesterer zu hoeren, und das kommt nicht von ungefaehr, wenn ich dann doch wieder auf die von mir bei Ansicht der Ueberschrift von Sasots Kolumne erst abgelehnte “Stabilitaet der Welt” zurueckkomme. Im Moment positionieren sich China und die USA in einem Kampf um die Vormacht-Stellung in der Welt und bereiten sich auf ein Showdown beim G20-Gipfel naechste Woche in Osaka vor. Die USA versuchen das, dem Naturell ihres Praesidenten entsprechend mit Bullying, China schart dagegen Verbuendete hinter sich – Russland, Iran, Nord Korea, warum nicht auch die Philippinen?

Nach dem Prinzip der “westphalian sovereignty” gilt in dieser Welt die “Anarchie souveraener Staaten”. Die geht auf den Westfaelischen Frieden von 1648 zurueck, in welchem erstmalig das Prinzip der Souveraenitaet eines Staates als juristische und faktische Einheit begriffen wurde, der als Ganzes nach innen und auszen verantwortlich handelt. In ihren Grenzen haben sie das Gewaltmonopol. Nach auszen sind sie gleichberechtigt, koennen also tun, was sie wollen.

Diese souveraene Freiheit unterscheidet Rodrigo Duterte zum Beispiel von Agnes Callamard. Die hat nun einen Bericht geschrieben, dass der Tod des Journalisten Jamal Kashoggi im Konsulat Saudi Arabiens in Istanbul ein Auftragsmord mit Wissen der saudischen Regierung war. Es gebe “glaubwuerdige Beweise”, dass dies mit Wissen von Kronprinz Mohammed bin Salman geschah. Sie fordert UN-Generalsekretaer Antonio Guterres auf, die Sache international zu untersuchen – das kann die UNO aber nicht aus sich selbst, weil sie “nicht selbst ein souveraenes Kollektiv ist”, wie Teodoro Locsin das so schoen ausdrueckte.

Duterte ist souveraen, er kann.

Und wenn er auf die Schnauze faellt? Das ist wie bei den Kindern: aufstehen und wieder versuchen, irgendwann kann man alleine laufen. Und da muss man ihm Zeit lassen, denn die Philippinen sind de facto erst seit dem 30. Juni 2016 souveraen, als Rodrigo Duterte vereidigt wurde und das Halsband seines Vorgaengers ablehnte, das den als “kleiner Hund hinter Uncle Sam” herzockeln liesz.

Saysay sa adlaw – “Ang gamay natumba.” “Tindog ra na siya.” 

ang best. Art., gamay klein, Kleine, tumba hinfallen + na… V/G natumba ist hingefallen, tindog stehen, aufstehen, ra nur, na nun, siya er, sie

Satz des Tages – “Die Kleine ist hingefallen.” “Sie steht auch wieder auf.”

 



 

Gemaesz “Uni Maastricht”, “Manila Times”, “PhilStar” u.a.

 

Mein Name ist Heiko Eckard. Ich wurde 1946 in Werries – Deutschland – geboren, besuchte das Neusprachliche Gymnasium in Hamm, studierte Philosophie und Mathematik in Münster und arbeitete als Programmierer in München, Nürnberg und Fürth. Nach meiner Pensionierung ging ich 2011 mit meiner Frau Ofelia Villaflores Eckard in ihre Heimat, General Santos City – Philippinen. Auf dieser Seite beschreibe ich, was mir aus der philippinischen Presse ins Auge sticht.

Die Presseschau von Heiko Eckard wird mit seiner Einwilligung und Erlaubnis in den PHILIPPINEN NACHRICHTEN & MAGAZIN veröffentlicht.