…aus der philippinischen Presse

 



 

PRESSESCHAU VON HEIKO ECKARD

Freitag, den 14. Juni 2019

(zum Bild: Rodrigo Duterte auf der Suche nach sich selbst?)

 

Duterte in GenSan – Ich fuehre kein Buch ueber die Termine von Praesident Rodrigo Roa Duterte, und so war ich gestern gegen Mittag ueberrascht, als unser Sohn erzaehlte, Duterte sei in GenSan, es wuerden schon Straszen gesperrt. Nun hatte ich zwar gelesen, dass Duterte in GenSan Land verteilen will, doch wurde da kein Termin genannt. Wir wollten mit unserem Sohn Essen und dann Einkaufen – er ist unser Fahrer, ich fahre hier nicht selbst – und dazu fuhren wir von City Heights zur Tiongson Street, am Lagao Gymnasium vorbei zu Leviram’s Food Place, wo ich Mungo Beans asz. Mungo Beans sind auch Leibgericht von Praesident Duterte, mit dem mich so nicht nur ein aehnliches Alter verbindet – ich bin ein Jahr juenger – sondern ich war ihm wohl bei dieser Fahrt auch sehr nahe. Uns begegnete naemlich eine Kolonne SUVs mit Festbeleuchtung angefuehrt von einer Motorrad-Eskorte der Polizei – das gibt’s nur fuer Praesidenten. Natuerlich konnte ich ihn nicht sehen, diese SUVs haben dunkel getoente Scheiben, und so bleibt nur der Gedanke, dass er vielleicht mich gesehen haben koennte, der ich hinten auf dem Sikad unseres Sohnes sasz, meine Frau vorn, und seiner Kolonne nachschaute.

Ich zappte Nachmittags dann um 5:30 Uhr ins “PTV” und sah Dutertes Rede im Lagao Gymnasium. Er sprach Visayan – man spricht Visayan in GenSan, seine Muttersprache – und das hat Vor- und Nachteile. Ein Vorteil ist, dass ich von Visayan soviel mitbekomme, dass ich weisz, worum es geht, ich koennte davon im Blog aber kaum zitieren. Der Nachteil ist, dass Visayan fuer das PCOO (Presidential Communications Operations Office) eine Fremdsprache ist, die fuer den Rest der Nation erst in Englisch uebersetzt werden muss. Das hat zur Folge, dass das Transcript der Rede nicht am naechsten Tag, also heute, sondern erst morgen erscheint. So kann ich von der Rede vorab nur sagen, dass sie im ueblichen Ton gehalten war. Er schimpfte auf die Kommunisten, die Land stehlen und an ihre Kaempfer geben, er machte Witzchen ueber Viagra, wobei er passend dazu das Mikrofon an der flexiblen Befestigung aufrichtete oder senkte, die Wirkung von Viagra demonstrierend, und er fand auch ein paar Worte zu KAPA, die sich gestern am Pedro Acharon Sports Complex im Barangay Calumpang, im Sueden von GenSan, zu Gebeten versammelt hatten, dass Gott oder wer auch immer die ungerechte Verfolgung ihres Vereins verhindern moege. Lagao liegt im Nordosten, quasi am anderen Ende von GenSan, sodass die Polizei beide Veranstaltungen sauber trennen konnte. Und da zog hier oben im Norden waehrend der Rede ein Gewitter auf. Ich hatte Angst, dass mal wieder irgendwo der Blitz in eine Leitung haut und wir, wie neulich ueber eine Stunde keinen Strom und damit auch kein TV haben. Es hielt sich gluecklicherweise diesmal, und es war amuesant zu beobachten, die Sporthalle ist nur ein bis zwei Kilometer von uns entfernt, dass Duterte das maechtige Donnern des Gewitters genauso mitbekam, wie meine Frau und ich vor dem Fernseher. So sagte er ueber KAPA: “Ich sag euch, wenn es zu schoen ist um wahr zu sein, dann ist es das [wahr] eben nicht.” Und als er dann den Namen des betruegerischen KAPA-Gruenders Pastor Joel Apolinario nannte, gab es grad einen gewaltigen Donner, und Duterte hob schweigend den Finger – ER hatte gesprochen, und es gab tobenden Beifall des Publikums.

Ob es in der Rede sonst Bemerkenswertes gab, kann ich erst sagen, wenn das Transcipt von PCOO ins Netz gestellt wird. Das gibt mir Gelegenheit hier auf eine Frage einzugehen, die mir ein Leser stellt: “Ist Duterte von Natur aus so oder setzt er dies als Mittel bewusst ein? Was denkst du?

Ich habe mich schon oefter, nicht nur wegen des Alters und den Mungo Beans mit Duterte verglichen, und da die Frage persoenlich an mich gerichtet ist, versuche ich auch eine ganz persoenliche Antwort zu geben. Anders ist es auch gar nicht moeglich, denn wie Duterte von Natur aus ist, weisz vermutlich nicht mal er selbst, und da spiele ich nicht auf seine Bemerkung an, er habe sich selbst davon geheilt schwul zu sein. Das war ein Witz auf Kosten seines Erzfeindes Trillanes, der aber doch etwas ueber Duterte verraten koennte.

 



 

Ich schrieb neulich, dass ich mich schwer tue, mit jemandem Freund zu sein. Da ist ein Problem, auf andere zuzugehen und im Nu mit ihnen ueber Gott und die Welt reden zu koennen. Man kann das als Asperberger Syndrom ansehen, wozu ich einfach mal aus der “Wikipedia” zitiere: “Das Kontakt- und Kommunikationsverhalten von Personen mit Asperger-Autismus kann dadurch merkwuerdig und ungeschickt erscheinen. Da ihre Intelligenz in den meisten Faellen normal ausgepraegt ist, werden sie von ihrer Umwelt leicht als wunderlich wahrgenommen. Gelegentlich faellt das Asperberger-Syndrom mit einer Hoch- oder Inselbegabung zusammen.” Asperger gilt als angeboren und nicht heilbar.

Ich will darauf fuer mich nicht herumreiten. So wie es fuer Krankheiten Unterschiede gibt zwischen einem leichten Husten und einer ausgewachsenen Lungenentzuendung, so gibt es auch graduelle Unterschiede bei Charakter-Zuegen. So bin ich (fremd-)sprachlich unbegabt. In Englisch nur ausreichend, in Franzoesisch nicht einmal das, und meinen Kampf mit Visayan kann man gutmuetig-ironisch so beschreiben: “Er hat sich immer sehr bemueht.” Warum ich auf ein Neusprachliches Gymnasium ging, ist mir heute unerfindlich, aber in dem Alter wusste ich halt nicht, worauf ich mich da einlasse. In Mathe bin ich ganz gut, aber durchaus keine Genie. Durch’s Studium kam ich, weil ich in Algorithmen und praktischer Mathematik gut war. In Infinitesimal-Rechnung habe ich den Grundkurs geschafft, Differential-Gleichungen habe ich nie verstanden. Was ich aber verstanden habe, waren endliche Automaten, Maschinen, die 0 oder 1 lesen oder schreiben koennen und in Abhaengigkeit davon einen Befehl ausfuehren oder nicht. Das ist die theoretische Grundlage von Computern, und das bestimmte spaeter mein Berufsleben.

Da nun von einer Inselbegabung zu sprechen, klingt mir uebertrieben: dem einen liegt eben mehr dies, dem anderen mehr das.

So auch mit dem anderen Aspekt, auf jemanden zuzugehen. Ich sag’s einfach mal so, ich habe nie eine Frau erobert, ich bin ausgesucht worden. Die erste fand heraus, dass das ein Fehlgriff war – wie bei Duterte wurde meine erste Ehe auf Initiative der Frau geschieden – die zweite kam mit so einem Typen wie mir zurecht, und ich folgte ihr, als sie in ihre Heimat zurueckwollte.

Ich wollte nicht in die Philippinen, aber nun bin ich mal da und versuche das Beste daraus zu machen. Das ging nicht immer gut. Man ueberschreitet da leicht Grenzen und muss sich zuruecknehmen, und das ist, was beim Asperger als Schwaeche gesehen wird “nicht-sprachliche Signale (Gestik, Mimik, Blickkontakt) bei anderen Personen zu erkennen, diese auszuwerten … oder selbst auszusenden.” Man ueberspielt das eigene Ungeschick und landet ploetzlich im sozialen Niemandsland.

Wie gesagt, ich will mich hier nicht als Psychopaten hinstellen. Es ist da nur eine Unsicherheit meiner selbst, wo ich mich in dieser oder jener Hinsicht einordnen soll, ein beunruhigtes Selbst.

Nehmen wir nun Duterte, wenn er sagt, er habe sich selbst geheilt schwul zu sein. Ich nehm das nicht ernst, aber ich habe auch nur Freunde (wenn auch wenige), aber keine Freundin, denn die koennte nur Frau sein, und die hab ich schon. Doch wie nah ist einem ein guter Freund? Koennte man nicht auch mal verunsichert sein, ob man ihn liebt?

Freunden gegenueber oeffnet man sich, man gibt mitunter sogar mehr, als gut waere, aber da man unter Freunden ist, wird einem das nachgesehen. Dieses Ueber-das-Ziel-hinaus-Schieszen ist typisch fuer Menschen mit Schwierigkeiten, einen Kontakt herzustellen. Duterte schieszt ueber das Ziel hinaus, wenn er in seiner Sprache zu seinem Volk spricht. Ich hab mal gesagt, er sei eine Rampensau, die sich vorn an die Buehne spielt und das Ensemble hinter sich vergessen laesst. Auf der anderen Seite verbeugt Duterte sich vor dem Publikum, bevor er seine Rede beginnt – das hat noch nie ein Praesident vor ihm getan, stellte Rigoberto Tiglao neulich fest – und man kann das als “sich klein machen” sehen. Es kann auch der Respekt vor der Distanz sein, die es in der Rede zu ueberwinden gilt, zu der er sich Mut machen muss, weil es ihm nicht leicht faellt.

Ich brech das an dieser Stelle einfach ab, man kann sich in Gedanken auch versteigen, und ich erinnere ausdruecklich, dass es Unterschiede gibt zwischen einem leichten Husten und einer ausgewachsenen Lungenentzuendung. Ich sehe in Duterte ein “beunruhigtes Selbst”, das ihn auch oft darueber sinnieren laesst, den Bettel hinzuschmeiszen und einfach nach Hause, nach Davao zu gehen. Dieses beunruhigte Selbst bringt ihn zu diesem und jenem, das “merkwuerdig und ungeschickt erscheinen” mag, und das beantwortet die Frage des Lesers, ob das vielleicht nur ein Stilmittel ist, das Duterte in seinen Reden einsetzt: das ist angeboren und nicht heilbar. Damit muss man leben.

 



 

Der Zwischenfall an der Recto (Reed) Bank… – …erregt weiterhin Gemueter und Medien. Wenn ein Schiff in der Nacht ueber ein vor Anker liegendes Fischerboot brettert, dessen Besatzung in den Kojen liegt, und dann einfach weiter faehrt und sich nicht um die Schiffbruechigen kuemmert, dann ist nicht nur der Praesident auszer sich (outraged), und das verstoeszt nicht nur gegen Artikel 98 von UNCLOS (United Nations Convention on the Law of the Sea), die sowohl die Philippinen als auch China unterzeichnet haben, und die alle Unterzeichner zu gegenseitiger Hilfe auf hoher See verpflichtet, sondern das widerspricht geringsten Anspruechen der Mitmenschlichkeit. Man regt sich zurecht auf.

Dennoch sollte man das Kind nicht mit dem Bade ausschuetten. Niemand kam ums Leben, die Besatzung der “Gimver 1” wurde gerettet, ein diplomatischer Protest wurde eingereicht, und man ueberlegt, ob man die diplomatischen Beziehungen zu China abbricht – wobei im Hinterkopf der Gedanke ist, dass das bei Kanada ja gewirkt hat, warum nicht hier?

Man sollte im Auge behalten, dass man bei Kanada erst zu diesem Mittel griff, als die Zusagen machten und nichts geschah. Zu “Gimver 1” ist anzumerken, dass der chinesische Botschafter Zhao Jianhua dem Sprecher des Praesidenten eine Message schickte, dass der Vorfall “ernsthaft und umsichtig” von chinesischer Seite untersucht werde. Man sollte, bevor man ein diplomatisches Band durchschneidet, auch China eine angemessene Frist einraeumen, um den Zwischenfall zu klaeren. Was dabei als “angemessen” erachtet wird, entscheidet die Geduld des Praesidenten.

(Heute kein Visayan, bin zu spaet dran, weil ich mich mal wieder verplaudert habe.)

 



 

Gemaesz “PTV”, “Manila Times”, “Manila Bulletin”, “Daily Tribune”, “Wikipedia” u.a.

 

Mein Name ist Heiko Eckard. Ich wurde 1946 in Werries – Deutschland – geboren, besuchte das Neusprachliche Gymnasium in Hamm, studierte Philosophie und Mathematik in Münster und arbeitete als Programmierer in München, Nürnberg und Fürth. Nach meiner Pensionierung ging ich 2011 mit meiner Frau Ofelia Villaflores Eckard in ihre Heimat, General Santos City – Philippinen. Auf dieser Seite beschreibe ich, was mir aus der philippinischen Presse ins Auge sticht.

Die Presseschau von Heiko Eckard wird mit seiner Einwilligung und Erlaubnis in den PHILIPPINEN NACHRICHTEN & MAGAZIN veröffentlicht.