…aus der philippinischen Presse

 

PRESSESCHAU VON HEIKO ECKARD

Ostersonntag, den 21. April 2019

(zum Bild: Rodrigo Roa Duterte – Präsident eines souveränen Staates)

 

Personenkult I – In seiner gestrigen Kolumne in der “Times” veroeffentlichte Antonio Contreras den ersten Teil eines Papiers, das er bei der Konferenz der Philippine Political Science Association in Clark, Pampanga, am 25. April vortragen wird. Der Titel dieses ersten Teils ist “Ideologie als Personenkult, nicht Text”. Der zweite Teil, von dem ich nicht weisz, wann er erscheint, ist angekuendigt als “Rodrigo Duterte als Gegen-Ideologie zur elitaeren liberalen Politik”. Eine “halbe Veroeffentlichung” zum Thema zu machen klingt verrueckt, denn die zweite Haelfte koennte alles ueber den Haufen werfen, was mir zur ersten so eingefallen ist.

Ich gehe das Risiko ein.

Contreras versteht die Philippinen als ehemalige Kolonie, die noch ihre eigene Identitaet sucht. Die katholische Religion als Kulturtraeger, Demokratie als Regierungsform und die “westphalian sovereignty ~ westfaelisches System” als Staatsprinzip wurden von Spaniern und Amerikanern uebergestuelpt.

Der Begriff des “westfaelischen Systems” war mir neu, ich musste mich erst in der “Wikipedia” schlau machen. Er geht auf den Westfaelischen Frieden von 1648 zurueck, in welchem erstmalig das Prinzip der Souveraenitaet eines Staates als juristische und faktische Einheit begriffen wurde, der als Ganzes nach innen und auszen verantwortlich handelt. In ihren Grenzen haben sie das Gewaltmonopol. Nach auszen sind sie gleichberechtigt.

Das Prinzip wurde nach dem Zweiten Weltkrieg erweitert und fuehrte mit der Charta der Vereinten Nationen ein Gewaltverbot zwischen den Staaten ein. Das ist problematisch, denn die Souveraenitaet der einzelnen Staaten hat keine uebergeordnete Instanz. Die Vereinten Nationen haben kein “law enforcement ~ Strafverfolgung”. Das wird auf gewissen Weise durch den Sicherheitsrat ersetzt, der aber de facto nur fuer “kleine Staaten” gilt, da die Groszmaechte darin ein Veto-Recht haben.

Vor diesem staatstheoretischen Hintergrund sind die Philippinen ein souveraener Staat, gefuehrt von einer gewaehlten Regierung, die von Manila aus das Land beherrscht. Die Philippinen haben nun aber das Problem, dass ihre Inselwelt aus verschiedenen Staemmen mit verschiedenen Sprachen besteht. Da ist kein einigender Mythos, kein nationales Epos, das ein nationales Verstaendnis bilden koennte, und Manila wurde in den Provinzen stets als “imperial Manila”, als Feudalherrschaft angesehen.

 



 

Wo die Ideologie als Text fehlt, bilden Koepfe den Ersatz. Nach dem Sturz des Ferdinand Marcos wollte man Benigno “Ninoy” Aquino zum nationalen Mythos hochstilisieren. Dem wurde ein eigener Feiertag vergoennt, der 21. August, Tag seiner Ermordung. Doch im Gegensatz zu “Bonifacio Day” und “Rizal Day”, die “regular holidays” sind, ist “Ninoy Aquino Day” blosz ein “special non-working holiday”. Und er wurde eingerichtet, weil eine historische Kommission sich weigerte, Ninoy Aquino in die Liste der nationalen Helden aufzunehmen neben Jose Rizal, Andres Bonifacio, Emilio Aguinaldo, Apolinario Mabini, Marcelo del Pilar, Sultan Dipatuan Kudarat, Juan Luna, Melchora Aquino (“Mother of the Katipunan”) und Gabriela Silang. Die werden am “National Heroes Day” im Pulk abgefeiert, der am letzten Montag im August begangen wird, heuer der 26., und da ist Ninoy eben nicht dabei.

Mit dem Verweis auf Rodrigo Duterte als naechstes Thema endet der erste Teil von Contreras’ gestriger Kolumne. Fuer mich geht es da aber weiter.

Den Ton gab Rigoberto Tiglao in seiner Kolumne am 24. Oktober 2016 in der “Times” dafuer vor, als er schrieb: “Wenn Praesident Duterte seine Amtszeit beendet, und ich glaube er wird, und wenn er nicht seine Sicht der Welt und unseres Platzes darin aendert, und ich glaube nicht er wird, werden Gelehrte in der Zukunft die moderne philippinische Geschichte aufteilen in die Periode ‘before Duterte’ (BD) und ‘after Duterte’ (AD).

Ich hab das schon oefter zitiert, zuletzt im Februar, und werde es vermutlich noch ein paarmal zitieren, und das liegt nicht nur daran, dass immer noch 80 Prozent der Filipinos zu ihm stehen, mehr als jene, die ihn mal gewaehlt haben, sondern ganz besonders hat das damit zu tun, dass Tiglao sich nach einem Vierteljahr von Dutertes Amtszeit schon so sicher war, als die Welt auf den einpruegelte, und nur von “Todesschwadronen”, “Hurensohn” und “Trennung von den USA” die Rede war.

Das hat nun wieder etwas mit dem “westfaelischen System” zu tun, der Souveraenitaet. Es kommt nicht darauf an, wie Duterte im Ausland gesehen wird. Es kommt nur darauf an, wie er in den Philippinen gesehen wird, und wie er sich selbst versteht.

So reagierte er im September 2016, als Reporter ihm sagten, dass US-Praesident Barack Obama mit ihm ueber Menschenrechte reden wolle: “Ich bin der Praesident eines souveraenen Staates, und wir sind schon lange keine Kolonie mehr. Ich habe keinen anderen Herrn als das philippinische Volk, aber auch wirklich keinen. Du musst Respekt haben. Du kannst nicht einfach mit Fragen und Aussagen herumwerfen.” In dem Zusammenhang fiel auch das “putang ina”, das noch heute der westlichen Presse einfaellt, wenn sie etwas zu Duterte zu sagen hat. Der “souveraene Staat” faellt unter den Tisch.

Der ist aber hoechst wichtig. So ist nun in den USA der Mueller-Report herausgekommen, auf den Demokraten und Trump-feindliche Medien lange gewartet haben. Nun steht da aber nicht, Donald Trump sei ein ruchloser Verbrecher, sondern in gewundener Formulierung schrieb Robert Mueller: “Accordingly, while this report does not conclude that the President committed a crime, it also does not exonerate him.” Ich uebersetz das nicht, um da keinen falschen Ton reinzubringen, es geht nur um den Nachklapp, dass der Bericht den Praesidenten aber “auch nicht entlaste.” In einer Diskussion in Chris Cuomos “Prime Time” in “CNN” regte sich eine republikanische Teilnehmerin der Diskussion ueber diesen Nachklapp auf, der eine Schweinerei sei.

Recht hat sie.

 



 

Und das gilt eben auch, wenn US-Senatoren, EU-Abgeordnete, Menschrechtler und selbsternannte Hueter selbstgewaehlter Prinzipien meinen, Praesident Duterte Morde und Schlimmeres vorwerfen zu koennen. Dies ist ein souveraenes Land, das sein Gewaltmonopol haelt. Wer meint, dass jemand Unrecht getan hat, dem steht der Rechtsweg offen, und ansonsten moege er die Schnauze halten.

Das war nicht immer so. Claro M. Recto sagte 1951 in einer Rede: “Wie ein kleiner Hund, zockeln wir hinter Uncle Sam her, wo immer der in Asien herumlaeuft, und bellen hier und da die Kommunisten an mit unserem duennen, fast unhoerbaren Gebell.” Die CIA verhinderte 1957 dass dieser Mann zum Praesidenten gewaehlt wurde. Er starb 3 Jahre spaeter unter ungeklaerten Umstaenden.

Nun ist Duterte Praesident, und er ist ueberhaupt kein kleiner Hund, hinter Uncle Sam herzuzockeln. Ihm liegt das Land am Herzen, er moechte, dass etwas daraus wird. Man sollte ihn aber nicht fuer einen “barmherzigen Wohltaeter” halten, er kann auch austeilen. Bei der jetzigen Wahlkampagne schieszt er sich grad auf Mar Roxas ein, dessen Markenzeichen die Niederlage ist: 2010 verlor er als Kandidat fuer das Amt des Vize-Praesidenten, 2016 verlor er als Kandidat fuer das Amt des Praesidenten, und – wenn man die Automatik so weiterlaufen laesst – 2019 verliert er als Kandidat fuer den Senat. Das Problem der Opposition ist, dass sie keinen Kopf hat. Roxas ist verbrannt, und da hilft “Bam” Aquino auch nicht, dass er sich eine Brille zugelegt hat, damit er so wie sein beruehmter Onkel “Ninoy” aussieht.

Man weisz, dass das Mogelware ist, und das ist das Schlimmste, was einer Partei oder Gruppe passieren kann, wenn Contreras’ These denn stimmt, dass nicht Ideologien, sondern Personen gewaehlt werden. Duterte ist eine Person, die fuer sich steht. Ein Macho mit unflaetigen Spruechen, welche die Opposition und die Welt ihm gern reinreibt, nur – bloede Sprueche reichen fuer keine Anklage. Bei Duterte nicht, bei Trump nicht. Da kann man sich zwar kleine Gemeinheiten goennen, dass ihn seine Reden aber “auch nicht entlasten”. Ja, und?

Duterte ist ein Mensch, kein Fantast mit spinnerten Ideen von Welt-Gerechtigkeit. Im Moment will er die Wahlen gewinnen, denn mit einem Senat, der ihm den Haushalt blockiert und sich querstellt, wo er kann, kann er sein Programm nicht durchziehen – “Build, Build, Build”. Das bringt Arbeit, und deshalb moegen ihn die Filipinos, und ich bin gespannt auf den zweiten Teil von Antonio Contreras’ Kolumne.

Saysay sa adlaw – Mga katsila ang mibunyag sa atong nasod og Pilipinas. 

mga katsila die Spanier (von Kastilien), bunyag taufen + mi… V/G mibunyag haben getauft, atong ~ ato nga Gen. von kita, ta inkl. wir + Verbinder, nasod Land, Nation

Satz des Tages – Die Spanier haben unser Land Philippinen genannt.

Dutertes von Ferdinand Marcos uebernommene Idee, die Philippinen in “Maharlika” umzubenennen, um die Erinnerung an die spanische Kolonialzeit zu loeschen, kam nicht so gut an.

 



 

Gemaesz “Manila Times”, “Wikipedia”, “Daily Tribune” u.a.

 

Mein Name ist Heiko Eckard. Ich wurde 1946 in Werries – Deutschland – geboren, besuchte das Neusprachliche Gymnasium in Hamm, studierte Philosophie und Mathematik in Münster und arbeitete als Programmierer in München, Nürnberg und Fürth. Nach meiner Pensionierung ging ich 2011 mit meiner Frau Ofelia Villaflores Eckard in ihre Heimat, General Santos City – Philippinen. Auf dieser Seite beschreibe ich, was mir aus der philippinischen Presse ins Auge sticht.

Die Presseschau von Heiko Eckard wird mit seiner Einwilligung und Erlaubnis in den PHILIPPINEN NACHRICHTEN & MAGAZIN veröffentlicht.

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