…aus der philippinischen Presse

 

PRESSESCHAU VON HEIKO ECKARD

Montag, den 29. Oktober 2018

 

Das Maerchen von Cory und EDSA – Im Netz regen sich einige Leute ueber die Berichterstattung der ARD zu Praesident Rodrigo Roa Duterte auf. Das bringt nichts. Als ich hierher kam, glaubte auch ich das Maerchen von “Cory und EDSA”, und ihre Partei, die Liberalen, muessen demnach die Guten sein. Nun lebe ich aber schon 7 Jahre hier, lese philippinische Zeitungen, und so hat sich das mit dem Maerchen von “Cory und EDSA” gelegt. Was mich aergert, ist, dass ich das nicht haette glauben muessen, haette ich mich damals besser informiert. Aber 1986 waren die Philippinen kein Thema fuer mich. Erst ein Jahr spaeter lernte ich meine Frau kennen, und da war EDSA schon ein romantisches Maerchen.

Ich hole jetzt nach, was mir damals entgangen ist, und fuer Leser, die damals den “Spiegel” auch nicht gelesen haben, zitiere ich in Gaenze einen Artikel daraus vom 7. Juli 1986.



[Beginn Zitat…]

Philippinen: „Eine Revolution, die keine war“

SPIEGEL-Korrespondent Tiziano Terzani über die Schwierigkeiten der Präsidentin Cory Aquino 

Die Filipinos leben von Illusionen: „Endlich frei!“; „Ich habe einen Panzer gestoppt!“: „Ich gehörte zur menschlichen Barrikade.“

Ausgebreitet auf den Bürgersteigen vor dem Malacanang-Palast in Manila liegen Hunderte von gelben T-Shirts zum Verkauf; sie sind mit dem Slogan „People“s power“ bedruckt – stolzer Ausdruck der Selbsttäuschung, das Volk habe vor vier Monaten den Diktator Ferdinand Marcos gestürzt.

Die meisten Filipinos können sich so ein Hemd nicht leisten: Es kostet 35 Pesos, der Tageslohn eines Arbeiters. Also tragen sie die T-Shirts weiter, die während der letzten Wahlkampagne zu Tausenden vom alten Regime verschenkt wurden: „Wähle klug – wähle Marcos.“

Vier Monate nach der „Wunderrevolution“, die Ende Februar in knapp vier Tagen Marcos davonjagte und Corazon („Cory“) Aquino an die Macht brachte. sind 40 Prozent der Filipinos noch arbeitslos. 75 Prozent gehen jeden Abend hungrig ins Bett. In Manila selbst kann sich nur jede zehnte Familie drei Mahlzeiten am Tag leisten. „People“s power“ hat das tägliche Leben der Filipinos sehr wenig verändert, und einer der jüngsten Witze lautet: „Das größte Wunder der Wunderrevolution ist, daß es keine Revolution war.“

Als Marcos floh, gingen 20 Jahre Diktatur ohne Gewalt zu Ende; der Wechsel wurde von keiner der Begleiterscheinungen gekennzeichnet, die gewöhnlich zu Revolutionen gehören. Es hat keine Abrechnung, keine Rache gegeben. Noch wichtiger: Die Sozialordnung ist unangetastet geblieben. Diejenigen, die unten waren, sind nicht nach oben gekommen. Die Reichen sind noch reich, die Armen noch arm.

„Der Umschwung ist wie von Coca-Cola zu Pepsi-Cola gewesen““sagt ein jetzt enttäuschter Cory-Fan.

In den exklusiven Stadtvierteln von Las Marinas und Alabam, von Mauern, Stacheldraht und bewaffneten Privatmilizionären beschützt, kämpfen die Mitglieder der Oberschicht, die den Aufstand gegen Marcos angeführt haben, jetzt um Macht und Positionen in der Regierung von Corazon Aquino.

In den armen Stadtteilen und Slums von Manila kämpft das Volk weiter ums Überleben: „Wir haben der Sache gedient und sind, wie Diener, wieder nach Hause geschickt worden“, sagt Romero Aguilar, ein Gewerkschafter in Tondo, Manilas größtem Slum-Gebiet.

Viel mehr als eine Revolution ist das, was im vergangenen Februar in Manila stattfand, eine Restauration gewesen: die Wiedereinsetzung der alten aristokratischen Oligarchie spanischer Herkunft, gegen die Marcos angekämpft und die er teilweise durch seine eigene Clique von Verwandten und Anhängern ersetzt hatte.

Für diesen Verdacht gibt es deutliche Anzeichen: Im Laufe der ersten vier Monate von Cory Aquinos Präsidentschaft haben die 2,2 Millionen Obdachlosen der Hauptstadt, die in trostlosen Verschlägen in öffentlichen Anlagen, unter Brücken und am Rande von Autobahnen hausen, von der neuen Regierung nichts erhalten. Die alten vornehmen Familien, die Marcos“ Diktatur zum Opfer gefallen waren, sind dagegen wieder erstarkt: Die Lopez haben ihre Fernsehstationen, ihre Zeitung, ihre Banken und ihre Anteile an den Kraftwerken des Landes zurückbekommen: die Jacintos ihre Stahlwerke. Aus dieser Oligarchie stammt auch Corazon Aquino.

Cory und ihrer Familie gehört eines der größten Güter des Landes, die Hacienda Luisita – mehr als 7000 Hektar Land, 6100 Arbeiter, Golfplatz, Pferderennbahn. Während des Wahlkampfes hatte Cory versprochen, die Hacienda Luisita zu einem Muster der Landreform zu machen. Vor kurzem hat sie erklärt, sie werde es nicht tun: Es sei nicht im Interesse der Arbeiter.

Doch obwohl die Begeisterung und Freude der ersten Tage der „Revolution“ längst verflogen sind, bleibt Cory ungemein beliebt. „Freiheitspark“, wie sie den Rasen um den Malacanang-Palast, Marcos“ ehemaligen Amtssitz umgetauft hat, ist ein Hof der Pilger geworden, zu dem Menschen aus dem ganzen Land mit ihren Klagen und Bitten hinströmen.



Mit allen hat Cory Mitleid, für niemanden aber hat sie eine klare Antwort. Sie hat die Witwen und Mütter der von Marcos“ Polizei und Armee heimlich Ermordeten empfangen; aber die hat bis heute noch nicht einen der Mörder – von vielen sind Namen und Adresse bekannt – der Justiz übergeben.

Cory hat Vertreter der hungernden Bauern gesprochen, aber eine Landreform hat sie nicht angepackt. Sie hat eine Kommission zur Überprüfung aller, die sich unter Marcos bereichert haben, gegründet. Aber sie hat keinen einzigen von ihnen festnehmen und den drittreichsten Mann des Landes nicht einmal überprüfen lassen: Juan Ponce Enrile. Er war Marcos“ Verteidigungsminister und ist jetzt Verteidigungsminister unter Corazon Aquino. Er ist der Mann, der für Marcos das Kriegsrecht organisierte, mit dem der Diktator acht Jahre lang das Land knechtete.

Je mehr Zeit seit dem Machtwechsel vergeht. um so klarer wird, daß nicht „people“s power“ Cory an die Macht befördert hat, sondern ein Putsch, von den Amerikanern angeregt und von Enrile angeleitet.

Als am 22. Februar Enrile und der stellvertretende Stabschef General Fidel Ramos sich gegen Marcos stellten, war es ursprünglich wohl ihre Absicht gewesen, selbst die Macht zu übernehmen. Erst als sie die „Cory! Cory!“ schreienden Massen in den Straßen von Manila sahen, mußten sie nachgeben und der Volksheldin die Präsidentschaft überlassen. Die wahren Machtverhältnisse aber bleiben klar: Das Militär hat Cory an die Macht gebracht, das Militär könnte versuchen, sie zu stürzen.

Cory weiß, daß ihr im Moment von Enrile die größte Gefahr droht. Als in Manila das Gerücht umging, sie wolle ihn entlassen, ging auch sofort das Gegengerücht um, er bereite einen Putsch vor.

Die Präsidentin wandert auf einem sehr schmalen Pfad. Rechts steht die Armee, links stehen die Kommunisten, deren Guerilla, die „Neue Volksarmee“ (NPA), aus der Enttäuschung über Cory Kapital schlägt. Beide Seiten behaupten, sie zu beschützen, beide benutzen sie und versuchen, sich an ihre Stelle zu setzen.

Hinzu kommt, daß Marcos“ Getreue, die sogenannten Loyalisten, wieder aktiv geworden sind. Jeden Sonntag laufen Banden von Zerlumpten im Luneta Park zusammen, raufen sich mit der Polizei und schwören, Cory aus dem Malacanang Palast zu vertreiben. „Die machen uns keine Sorge“, sagt Miguel Perez Rubio, Corys Protokollchef. „Dies ist ein tropisches Land, da gibt es viele Mücken.“

Anlaß zur Sorge aber ist: Diese Demonstrationen werden von mächtigen Persönlichkeiten gelenkt und finanziert. Die Demonstranten bekommen 50 Pesos pro Tag; 100 bei einer großen Schlacht mit der Polizei. Im Spinnennetz von Konspirationen, Gerüchten und Widersprüchen, in dem sie sich befindet, bewegt sich die Präsidentin mit großer Unbefangenheit. „Gott ist auf unserer Seite“, sagt sie. Die T-Shirts übersetzen das in: „People“s power is God power.“

Niemand zweifelt an ihren guten Absichten und ihrer Aufrichtigkeit. Nur fürchten einige, dies könnten ihre einzigen Eigenschaften sein.

Die Filipinos hatten geglaubt, Cory würde eine neue Ära einleiten und die alten Unsitten der philippinischen Politik endlich ausmerzen. Die Erfahrung mit den neuen Gouverneuren und Bürgermeistern hat anderes bewiesen.

Mit Marcos“ Flucht ins Exil war sein Regime noch nicht zu Ende. Überall saßen von ihm ernannte Verwalter, überall regierten Gouverneure und Bürgermeister, die mit seiner Hilfe gewählt worden waren. Um diesen Machtapparat der Marcos-Diktatur zu zerschlagen, beschloß Cory, alle gewählten Beamten zu entlassen und durch eigene „Loyalisten“ vorläufig zu ersetzen.

Dabei wurde sogleich wieder mit altvertrauten Tricks gearbeitet: Familienbeziehungen, Privatinteressen und Korruption waren oft wichtiger als die Qualifikation der Kandidaten.

Die neuen Beamten stammen meist aus derselben reichen Klasse der Politiker wie die alten. Neue Gesichter hat man kaum gesehen. In Negros Occidental, einer der ärmsten Provinzen der Philippinen, hatten alle Massenorganisationen, die Bauernvertreter und sogar die Kirche einen eigenen Kandidaten vorgeschlagen: aber dreißig Familien von Großgrundbesitzern gingen zu Cory und setzten ihren Mann durch.

Der Versuch, die Machtstruktur des Marcos-Regimes durch eine neue zu ersetzen, war gewiß gut gemeint. Aber das Ergebnis ist Chaos. Einige Verwalter sind ohne Widerstand gegangen, haben aber die Kasse der Gemeinde mitgenommen. Andere Beamte haben sich in ihren Amtssitzen verbarrikadiert und weigern sich zu gehen.

„Wenn du es wagst, dich hier zu zeigen, schmeiße ich dich aus dem Fenster!“ sagte Chavit Sinson zu Sally Villanueva, die auf Corys Anordnung sein Amt als Gouverneur von Ilocos Sur übernehmen sollte. Wochenlang war es Frau Villanueva unmöglich, ihr Amt anzutreten. Tag für Tag kamen die Beamten aus einer der 34 von Gouverneur Sinson verwalteten Städte in die Provinzhauptstadt Uigan und umzingelten zum Schutze ihres Chefs den Gouverneurssitz.

„Cory hat people“s power benutzt, um in den Malacanang zu kommen. Wir werden people“s power benutzen, um Gouverneur zu bleiben“, kommentierte Sinson seine Taktik.

Die Sinsons haben seit Jahrzehnten die Macht in der Provinz. Chavits Großvater und Onkel waren Gouverneure, sein Vater war Bürgermeister der Provinzhauptstadt Uigan. Jetzt bekleidet sein Bruder dieses Amt. Seit 15 Jahren ist Chavit Gouverneur. Die Sinson-Familie kontrolliert die Hälfte der Wirtschaft der Provinz. Die andere Hälfte ist in den Händen der Villanuevas.



In vielen Fällen sind die von Corazon Aquino auf ihre Posten gehievten Kommunalverwalter noch unbeliebter als ihre Vorgänger. „Wir haben so viele Fehler gemacht, daß Marcos“ Leute leicht gewinnen würden. „Wenn es morgen Wahlen gäbe“, sagt Noel Sorian, ein Mitarbeiter von Cory.

Als Cory die Macht übernahm, schien es, als würde sie das öffentliche Leben mit neuen moralischen Inhalten füllen. Doch daraus wurde fast nichts. Niemand hält Corazon Aquino für korrupt. Aber ein Gerücht geht um, daß ihr Bruder Peping Cojuangco, ein großes Stück der Torte für sich genommen habe. Zwar hat er keine offizielle Stellung in der Regierung, aber durch seine eigenen Vertrauensmänner, die er in wichtigen Stellungen untergebracht hat, soll er sehr rentable Sektoren der Gesellschaft kontrollieren: die neuen Spielkasinos des Landes, die Lotterie, die Stadien für Hahnenkämpfe.

Vergangenen Monat sind 65 sehr teure Kampfhähne aus Texas am Flughafen Manila eingetroffen. Der neue Zolldirektor, Wigberto Tanada, der versprochen hat, Korruption im öffentlichen Dienst auszumerzen, ließ die Hähne beschlagnahmen. Sie sollten so lange unter Verschluß bleiben, bis die Steuern auf ihren Wert bezahlt worden wären. Doch auf rätselhafte Weise verschwanden die Hähne eines Nachts aus dem Zollager – statt ihrer gackerten am nächsten Morgen dort nur Hühner. Einige Tage später kämpften die Hähne aus Texas in den Arenen von Cojuangcos Männern. Der Direktor des Manila-Flughafens verdankt Corys Bruder seinen Posten.

Der Stil, in dem Cory regiert, ist schlicht und einfach. Das Gästehaus im Malacanang-Bezirk, in dem sie arbeitet, hat nichts vom Pomp, mit dem sich der Marcos-Clan umgab.

Entscheidungen werden schnell und direkt getroffen, ohne langatmige Konsultationen. Das Kabinett versammelt sich jeden Mittwoch; aber noch wichtiger ist, was ein paar Vertraute, die immer Zugang zu ihr haben, der Präsidentin erzählen. Dieses „Flüster-Kabinett“, wie die Filipinos es nennen, besteht aus drei, vier Leuten. Unter ihnen ist am einflußreichsten, wer als letzter flüstert: gewöhnlich Corys Bruder Peping. Cory entscheidet. Aber regiert sie auch? Sicher nicht immer und nicht überall.

Vor dem Rathaus von Serrat in Ilocos Norte, Marcos“ Geburtsort, hängt ein Plakat: „Marcos ist noch Präsident“.

Überall auf den 7107 Inseln des Archipels gibt es Postämter, Rathäuser und Gouverneurssitze, in denen noch immer riesige Porträts von Marcos und seiner First Lady Imelda an der Wand hängen. Auf 25 Prozent des Territoriums sind es die Kommunisten, die sich wie die Regierung benehmen. In anderen Gebieten sind es die alten Kriegsherren, die mit ihren Waffen das Gesetz diktieren.

Cory hatte versprochen, diese Großgrundbesitzer, die mit ihren Privatarmeen in manchen Provinzen die Bevölkerung seit Jahren terrorisieren, zu entwaffnen. Sie hat es nicht geschafft.

Der berüchtigste Kriegsherr ist Ali Dimaporo, Gouverneur von Lanao del Sur auf der Insel Mindanao. Vor den letzten Wahlen hatte er von Marcos tausend Gewehre bekommen. Cory verlangte sie zurück. Was Dimaporo abgab, waren 127 verrostete Flinten aus dem Zweiten Weltkrieg. Daraufhin befahl Cory dem General der Region, Dimaporo zu entwaffnen. Das nächste, was die Filipinos zu Gesicht bekamen, war ein Zeitungsphoto, auf dem Dimaporo den General in Enriles Büro in Manila umarmt. Die Waffen hat er immer noch: Cory wollte keinen Bürgerkrieg in Mindanao riskieren.

„Sie hat den Instinkt eines Politikers, sie kennt den Wert des Kompromisses“, sagt einer ihrer Mitarbeiter. Andere dagegen meinen, Cory sei schon zur Gefangenen fauler Kompromisse geworden.

„Sie hätte mindestens sechs Monate lang wie ein Diktator herrschen müssen, wenn sie eine Reihe von Problemen wirklich hätte lösen wollen“, sagt Pater Hector Mauri von der jesuitischen Universität Ateneo in Manila. „Sie hat diese Chance verpaßt.“

Hat das Land überhaupt noch eine Chance? Die Philippinen sind im Ausland mit 26 Milliarden Dollar verschuldet. Allein die Zinsen verschlingen jährlich die Hälfte aller philippinischen Exporterlöse.

Das Symbol dieser wahnsinnigen Schulden, die Cory vom Marcos-Regime geerbt hat, steht in Morong auf der Bataan-Halbinsel, 120 Kilometer westlich von Manila. Vor dem Hintergrund eines strahlenden Meeres erhebt sich das Monstrum des ersten philippinischen Atomkraftwerkes. Sein Bau hat schon 2,1 Milliarden Dollar gekostet, als Vermittler steckte Marcos angeblich 80 Millionen Dollar in die eigene Tasche. Das Werk funktioniert noch nicht. Den Haushalt der Philippinen belastet der Geister-Meiler täglich mit 355000 Dollar.

Corazon Aquino hat sich gegen alle „revolutionären“ Vorschläge gewandt, statt dessen eine neue Verfassung bestellt. Doch die Probleme bleiben. Während in den zwei Provinzen Ilocos, im nördlichen Luzon, das gutgekleidete und wohlernährte Volk auf Marcos“ Rückkehr wartet, warten auf der Insel Negros unterernährte und zerlumpte Bauern darauf, daß Corys Regierung oder die Kommunisten ihnen Land geben.

Ilocos ist Marcos“ Heimatprovinz, und für seine Ilocanos hat Marcos viel getan. Die Städte sind sauber, die Straßen gut erhalten, fast jeder hat Arbeit. Ilocos hat eine der besten Universitäten des Landes; sie ist nach Marcos Vater benannt. Überall gibt es Erinnerungen an Marcos. Eine Stadt wurde nach ihm benannt. Verschiedene Bezirke tragen die Namen seiner Kinder und anderer Verwandter. Das Haus in Batac, wo er aufwuchs, ist zum Museum geworden: Vier Monate nach der Revolution ist es täglich geöffnet. Besucher bewundern die 36 Marcos-Statuen und die 48 Kriegsorden, die er, der Sage nach, erworben hat, sowie die Stapel von Büchern, die er und seine Verwandten geschrieben haben. Zwei schwere Bände enthalten die „Ideen“ von Imelda Marcos.

Auf dem Hauptplatz von Laoag, der Provinzhauptstadt, heißt heute das Gefängnis, in dem der junge Marcos einst wegen Mordes an einem politischen Rivalen seines Vaters einsaß. „Halle der Gerechtigkeit“.



Aus seinem Exil in Hawaii telephoniert Marcos mehrmals die Woche mit seinen Anhängern in Ilocos. Solche Gespräche werden oft vom lokalen Radio übertragen. Alle warten auf seine Rückkehr. Seine riesige Villa in Paoay, „der Malacanang des Nordens“, steht für ihn bereit. Jeden Tag stauben Diener die Holzfußböden ab und pflegen die Blumen im Garten.

„Da er nicht mit dem Flugzeug kommen kann, denn Cory würde es abschießen lassen, wird er mit einem U-Boot landen“, sagen die Leute.

Die Politiker in Manila wissen wohl, daß Marcos erledigt ist. Aber die Treue der Ilocanos zu ihm ist ein Pfund, mit dem sich wuchern läßt. Verteidigungsminister Enrile, selber ein Ilocano, besuchte vor kurzem Ilocos, sprach sehr lobend über Marcos, und die Ilocanos nannten ihn dafür „den neuen Vater, den neuen Helden und Führer“. Als sich jemand während eines Banketts in Laoang mit „Herr Präsident“ an ihn wandte, antwortete Enrile: „Noch nicht.“

Ganz anders sieht es auf Negros aus. Jetzt, da das Zuckerrohr geschnitten ist und die 41 Zuckerraffinerien für den Rest der Saison geschlossen haben, sind 300000 Arbeiter ohne Arbeit, haben ihre Familien nichts zu essen. Auf Negros nennt man diese Saison „tiempo muerte“, die Totenzeit.

Zwei Drittel aller Kinder unter sechs Jahren sind unterernährt. Sieben von zehn Menschen im Krankenhaus der Hauptstadt Bacolod sterben an Krankheiten, die durch den Hunger verursacht sind.

Früher pflanzten die Bauern ihren Reis auf Landparzellen, welche die großen Haciendas ihnen überließen. Jetzt sind die Haciendas durch Erbschaft kleiner geworden, und die Besitzer lassen die Bauern keinen Reis mehr anpflanzen. Nach dem Gesetz sollte ein Arbeiter 32 Pesos pro Tag erhalten. In Wirklichkeit bekommt er 15 bis 20 Pesos.

Nahe der Stadt Murcia lebt die Familie Gaelia in einer Bambushütte, in der es – abgesehen von einem Bambusfußboden, der als Schlafstelle dient – nur einen zerbrochenen Spiegel, einen Kalender und zwei Kochtöpfe gibt. Der Mann ist seit einem Jahr arbeitslos.

1984 hat die Familie zuletzt ein gebrauchtes T-Shirt im Austausch gegen Bananen erstanden. Die zwei Kinder gehen oft nicht zur Schule, weil sie von einem Landbesitzer angestellt werden, das Unkraut auf seinem Acker zu jäten. Auf die Frage: „Was möchtest du tun, wenn du groß bist?“ antwortet der Elfjährige: „Arbeiten. Jeden Tag Arbeit haben.“ Der Neunjährige möchte Arzt werden. Er wird es niemals schaffen.

„Hier hat niemand das “Kapital von Marx gelesen“. Es sind die Ungerechtigkeiten, welche die Leute zu den Kommunisten treiben“, sagt Antonio Fortich, Erzbischof von Bacolod.

„Hunger und Kommunismus“ sind zwei Seiten desselben Problems. Dafür gibt es nur eine Lösung: Landreform, so der Monsignore, der Anfang des Monats einen Tag in der kommunistischen Guerilla-Basis in Süd-Negros verbracht hat. Die Kommunisten hatten ihn eingeladen, um ihm ihre Vorschläge zu erklären.

Sie verlangen, daß die Grundbesitzer zehn Prozent ihres Landes an die Bauern verteilen, damit diese Reis anpflanzen können und nicht mehr verhungern.

„Es scheint mir sehr vernünftig“, sagt der Bischof.

Als Corazon Aquino an die Macht kam, hofften die Filipinos, daß ausländisches Geld, amerikanisches vor allem, auf die Philippinen regnen würde, und daß die kommunistischen Guerrilleros aus den Bergen und dem Dschungel herauskommen würden. Keine der beiden Hoffnungen hat sich erfüllt.

In den ersten fünf Monaten dieses Jahres gingen die ausländischen Investitionen auf den Philippinen gegenüber dem Vorjahr um 20 Prozent zurück. Und keine einzige Guerilla-Einheit hat sich ergeben.

Ausländische Investoren fürchten die Instabilität der Philippinen; sie vermuten, daß die Kommunisten unter Cory weiter schnelle Fortschritte machen werden. Das ist schon eingetroffen.

Als Cory an die Macht kam, schienen die Kommunisten in der Bevölkerung weitgehend isoliert. Das hat sich geändert: Heute präsentieren sie sich gern als Corys Hilfstruppe. „Wenn es zu einem Militär-Putsch kommt, dann stehen unsere Waffen Cory zur Verfügung“, sagt Ka Ernesto, ein Guerilla-Kommandant auf der Insel Negros.

Nun ist Corys „Revolution“ bestimmt nicht das, was die Kommunisten sich wünschten. „Wir warteten auf einen anderen Zug. Dann ist dieser plötzlich angekommen. Also steigen wir ein, sagt Pater Edicio de la Torre, Gründer der pro-kommunistischen Organisation „Christen für Nationalbefreiung“.

Die Filipinos haben bewiesen, daß eine gewalttätige Revolution nicht nach ihrem Geschmack ist. Die Kommunisten haben das erkannt und versuchen jetzt, mit friedlichen Mitteln an die Macht zu kommen.

Cory Aquino hat in den wenigen Monaten ihrer Präsidentschaft zwei kühne Entscheidungen getroffen: Sie hat alle politischen Gefangenen freigelassen – gegen die Bedenken und den Widerstand des Militärs; und sie hat den Kommunisten einen Waffenstillstand angeboten. Die Verhandlungen haben begonnen. Wohin werden sie führen?

„Entweder, wenn sie scheitern, zu einem grausamen Bürgerkrieg und schließlich womöglich zum gewaltsamen Sieg der Kommunisten. Oder aber zu einer neuen friedlichen Revolution, an deren Ende die Kommunisten wiederum als Sieger stehen“, sagt ein westlicher Diplomat in Manila.



Schon heute sind die Kommunisten mit ihren 20000 Kämpfern der Neuen Volksarmee und Hunderttausenden von Anhängern ein wichtiger Bestandteil des philippinischen Lehens. Man kann sich mit ihnen in Manila treffen oder sie in ihren Stützpunkten auf dem Land besuchen. Ein Viertel des nationalen Territoriums steht unter ihrer Kontrolle. Sie bilden eine Gegenregierung, sammeln Steuern ein, organisieren Dienstleistungen und sorgen über ein eigenes Justizsystem für ihre Art von Gerechtigkeit.

In der Stadt Escalante in Negros, wo im September vorigen Jahres 21 demonstrierende Bauern von der lokalen Miliz erschossen wurden, ist der Bürgermeister geflohen. Cory hat keinen Nachfolger ernannt. Keiner der für die Massaker verantwortlichen Soldaten ist festgenommen worden. Die kommunistische NPA hat aber schon vier von ihnen hingerichtet. Am Ort des Massakers steht rot auf einer Mauer: „Die NPA ist da.“

Überall im Land haben Landbesitzer mit den lokalen Guerillakämpfern ihre Abkommen getroffen. Einige, die das nicht taten, wurden von den Kommunisten „ausgeliehen“, wie die Leute sagen, und tagelang gewarnt und umerzogen.

Was bieten die Kommunisten Cory an? „Einen permanenten Waffenstillstand im Austausch für eine Koalitionsregierung“, sagt Jose Maria Sison, Gründer der KP, berühmtester der befreiten politischen Gefangenen. Für die Mehrheit in Corys Kabinett ist das schierer Wahnsinn. Andere sehen darin aber einen Weg zur Befriedung des Landes.

Bereits im Dokument zur Vereinigung der ehemaligen Opposition gegen Marcos hat Cory sich während ihrer Wahlkampagne auf eine Legalisierung der KP festgelegt. Die Kommunisten bereiten sich auf die neue Zeit vor, wenngleich mit widersprüchlichen Signalen. Am Montag voriger Woche überfielen kommunistische Guerillas einen Militärkonvoi und töteten 13 Soldaten. Zugleich haben ihre Unterhändler begonnen, mit Vertretern der Regierung über einen Waffenstillstand zu verhandeln. Ihre Organisation beginnt, in der Legalität zu arbeiten. Sison baut seine „Volkspartei“ auf, andere Kader sickern in die Gewerkschaften ein.

Enrile und das Militär sind einmütig gegen Verhandlungen mit den Kommunisten. Diese reformistischen Offiziere die den Februar-Putsch mit Enrile gemacht haben, sind auch diejenigen, die jahrelang gegen die Guerrilleros gekämpft haben. Für sie kann ein Waffenstillstand nur bedeuten, daß die Kommunisten sich ergeben. Die Kommunisten aber haben schon klargemacht, daß sie weder ihre Waffen noch ihr Territorium aufgeben wollen.

Angesichts so vieler Feinde und so vieler Fallen, die ihr gestellt sind, ist Cory Aquino die einzige, die keine Organisation, keine richtige Partei, keine eigene Macht hat. Sie kann nur auf die eigene persönliche Popularität zählen. Wie lange noch?

Vor drei Jahren habe eine Kugel, die ihren Mann Benigno Aquino tötete, „diese Revolution angefangen“, hat Präsidentin Aquino in der Militärakademie von Baguio gesagt. Eine Kugel könnte die Revolution auch wieder beenden. Vor kurzem hat ein Mann, der wegen Diebstahls verhaftet worden war, gestanden, er sei in ein Komplott zur Ermordung von Cory verwickelt.

Cory, umgeben von Widersachern, könnte sich wohl nur durch ein Wunder noch sechs Jahre an der Macht halten.

„Wunder geschehen für die, die an sie glauben“, sagt Pater Ferman von der Santo-Tomas-Universität in Manila.

Von Tiziano Terzani

[…Ende Zitat]

Ob es solche Korrespondenten noch gibt, weisz ich nicht. Ich lese keine deutschen Berichte ueder die Philippinen mehr, und Tiziano Terzani verstarb 2004. Heute begnuegt man sich zu uebernehmen, was “Rappler” und “Inquirer” produzieren, und die verkaufen das Maerchen von “Cory und EDSA”, und darin sind die Liberalen nun mal die Guten. Also muss Praesident Rodrigo Roa Duterte – nach der Logik von Maerchen – dann eben der Schurke sein.

Maerchen kann man nicht widerlegen. Irgendwann hoert man auf daran zu glauben.



Gemaesz “Spiegel” u.a.

 

Mein Name ist Heiko Eckard. Ich wurde 1946 in Werries – Deutschland – geboren, besuchte das Neusprachliche Gymnasium in Hamm, studierte Philosophie und Mathematik in Münster und arbeitete als Programmierer in München, Nürnberg und Fürth. Nach meiner Pensionierung ging ich 2011 mit meiner Frau Ofelia Villaflores Eckard in ihre Heimat, General Santos City – Philippinen. Auf dieser Seite beschreibe ich, was mir aus der philippinischen Presse ins Auge sticht.

Die Veröffentlichung in den PHILIPPINEN NACHRICHTEN erfolgt mit der Erlaubnis von Heiko Eckhard.

Hier ist nichts zu kopieren!