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…aus der philippinischen Presse

 

PRESSESCHAU VON HEIKO ECKARD

Montag, den 11. Juni 2018

 

 

Die Umwertung aller Werte… – …ist eine Wendung, die Friedrich Nietzsche in “Ecce homo, Wie man wird, was man ist” verwendete. Es war sein letztes Werk, an dem er bis 1889 gearbeitet hat. Darin stellt er fest: “Aber meine Wahrheit ist furchtbar, denn man hiesz bisher die Luege Wahrheit. – Umwertung aller Werte, das ist meine Formel fuer einen Akt hoechster Selbstbesinnung der Menschheit, der in mir Fleisch und Genie geworden ist.” Und er fuehrt weiter aus: “Der Blitz der Wahrheit traf gerade das, was bisher am Hoechsten stand: wer begreift, was da vernichtet wurde, mag zusehn, ob er ueberhaupt noch Etwas in den Haenden hat. Alles, was bisher ‘Wahrheit’ hiesz, ist als die schaedlichste, tueckischste, unterirdischste Form der Luege erkannt; der heilige Vorwand, die Menschheit zu ‘verbessern’ als die List, das Leben selbst auszusaugen, blutarm zu machen.

Es geht mir nicht darum, auf das Denken Ende des 19ten Jahrhunderts zurueckzugreifen, sondern ich will nur die Frage aufzuwerfen, ob die Saetze nicht auch von US-Praesident Donald Trump stammen koennten, nachdem er von dem G7-Gipfel in Kanada abgereist ist und die G6 hat im Regen stehen lassen, weil die ihm als “schaedlich” vorkommen, um nun im Zwiegepraech mit Kim Jong-um in Singapur womoeglich weitere “unteridische Formen der Luege zu erkennen” und durch “furchtbare Wahrheiten” zu ersetzen? Okay, ist sprachlich nicht ganz sein Stil, und auf Twitter muss man sich etwas kuerzer fassen – aber sonst?

Der Hintergrund, vor dem Nietzsche zu seinen Gedanken kam, aehnelt dem, vor dem heute gedacht wird. Nietzsches Zeit hatte ihre Probleme mit der Einsicht von Charles Darwin, nach der – weiter gedacht – der Mensch nicht laenger die Krone der Schoepfung Gottes, sondern blosz ein loses Ende einer Fehlerkette in der Vererbung der DNA ist. Nach Sigmund Freud eine der groszen “Kraenkungen der Menschheit”, und solche Tiefschlaege muss man erstmal wegstecken. Von dorther sieht sich unsere Zeit dem Verfall der Gedanken zur “Verbesserung der Menschheit” gegenueber. Der UN-Sicherheitsrat handelt, um eine Formulierung von Sass Rogando Sasot aufzugreifen, “wie eine Polizei-Truppe oder wie eine ‘Militaer-Junta’”. Dem ICC (International Criminal Court), der Verbrechen gegen die Menschheit ahnden soll, gehoeren die Groszmaechte nicht an. Die Philippinen seilen sich da ab, und die “non-government”-Hueter der Menschenrechte haben eine zu durchsichtige “selektive Justiz”, als dass man ihnen ueber den Weg trauen koennte. In den Zusammenhang gehoert auch so etwas wie der Brexit, oder die katalanische Unabhaengigkeits-Bewegung oder der Wille der Moros zu mehr Selbstaendigkeit, weil die sich von “imperial Manila” nicht vertreten fuehlen. Man will nicht “von anderen” vertreten werden, man will fuer sich selbst sprechen – und das tut man denn auch.

Man kann von “hoeherer Warte” schimpfen, dass das dumpfer Populismus und verbohrter Nationalismus sei, doch – ist nicht gerade die Position, die man dabei “ueber den Dingen” einnimmt, nichts als eine “List, das Leben selbst auszusaugen, blutarm zu machen”? Nietzsche dachte von dem Einzelnen her, bei dem er den Instinkt als das lebensbejahende Prinzip erkannte, das durch den Verstand geformt wird. Schon in seiner ersten Schrift 1872, in der “Geburt der Tragoedie aus dem Geist der Musik” hielt er Sokrates fuer einen verkehrten Menschen, der die Wahrheit allein aus dem Verstand bekommen wollte und dafuer seinen Instinkt verleugnete. Man sollte das nicht als spinnerte Philosophie abtun, denn der Gedanke dahinter ist recht einfach: wir sind nicht nur Verstand, und wir sind nicht nur Leib – zum Menschen gehoert beides.

In die Politik uebertragen sieht man das an zwei Arten Politikern. Das sind eigentlich armselige Kerle, denn sie koennen nur Gesetze erlassen, und das tun sie dann. Sobald irgendetwas passiert, schreien sie nach einem Gesetz. Darueber vergessen sie, dass man Gesetze auch durchsetzen muss, aber da hapert es. Kommt jemand, der das tut, wie zum Beispiel Duterte, der erlassene Gesetze durchsetzt, ist das natuerlich auch nicht Recht, und – schon schreien sie wieder.

Nehmen wir diesen Video-Schnipsel, den man im TV sehen konnte, der angeblich beweist, dass die chinesische Kuestenwache bei Scarborough Shoal den Fang von philippinischen Fischern konfisziert. Ich habe keine Waffe und keine Uniform gesehen. Ich sah jemanden, der aus einer Kiste mit schoenen, groszen Fischen sich ein paar ausgesucht und in eine andere Kiste gepackt hat. Pastilan! Was war das fuer eine Aufregung, was man gegen China nun alles unternehmen muss! Heute lese ich in “The Manila Times”, dass China und die Philippinen sich einig sind, dass philippinische Fischer an Scarborough Shoal fischen duerfen. China wird gegen seine Leute vorgehen, die das verhindern, und die Philippinen werden untersuchen, was es mit diesem “Fisch-Konfiszierer” auf sich hat. Es gibt naemlich auch Berichte, dass philippinische Fischer gleich vor Ort ihren Fang an Leute der chinesischen Kuestenwache verkaufen, und zu dieser Meldung passt der TV-Schnipsel, den ich gesehen habe, viel besser: ein Kunde sucht sich die Fische aus, die er kaufen will. Man muss nur die Kamera ausschalten, wenn der Kunde bezahlt, und schon sieht es wie Raub aus.

Zu diesen Schreihaelsen gehoert der Abgeordnete Gary Alejano, mit dem sich der Leitartikel der “Manila Times” heute befasst. Er hatte vor einem Jahr den erfolglosen Antrag zur Amtsenthebung von Praesident Duterte gestellt, und sucht seither was auch immer er gegen den sonst noch vorbringen kann. Sein neuester Gag ist ein angeblicher Befehl Dutertes an die Truppe, in der Westphilippinischen See keine Patrouillen mehr zu fahren, und in dem Zusammenhang sprach er auch von der “Piraterie” der Chinesen, die philippinischen Fischern den Fang stehlen. Der Haken an der Sache ist, dass weder die Truppe noch Malacañang Kenntnis von einem solchen Befehl haben. Oberst Edgar Arevelo von der AFP (Armed Forces of the Philippines): “Fuer’s Protokoll: es gibt keinen solchen Befehl des Oberbefehlshabers. Tatsaechlich setzen wir unsere See- und Luft-Kontrollen fort. Die AFP fuehrt weiterhin ihren Auftrag aus.



Im Gegensatz zu diesen “fake news”-Produzenten tut Duterte etwas, und so wird er diese Woche sich mit Sicherheits-Mitarbeitern zu einer Befehls-Konferenz zusammensetzen, wie man gegen die Kriminalitaet im Lande besser vorgehen kann. Er hatte in einer Rede vor kurzem von “radical changes” gesprochen, aber das muss man wieder als “typisch Duterte” verstehen. Er prescht in seinen Reden gern vor, ganz aus dem Bauch heraus. Er entscheidet aber in der Runde nach vernuenftigem Gespraech mit seinen Mitarbeitern.

Und damit komme ich wieder auf Nietzsches Gegensatz von Instinkt und Vernunft zurueck. Duterte ist kein “verkehrter Mensch” wie Sokrates. Das sind jene, die meinen, wenn sie sich einer politisch korrekten Sprache befleiszigen, dann auch gleich politisch richtig zu liegen. Es sind Schwaetzer, so wie die Senatorin Leila de Lima, die sich um kein Gesetz gekuemmert hat, als sie fuer Benigno Aquino dessen Gegner aus dem Feld raeumte, und die nun jeden gesetzlichen Winkelzug nutzt, um dafuer nicht zur Verantwortung gezogen zu werden. Sie sitzt schon ueber ein Jahr, ohne dass der Prozess gegen sie beginnen konnte. Ein Beispiel, wie man sich des Rechts bedient, um Recht zu verhindern.

Duterte ist da anders. Er haelt sich an das Gesetz und tritt fuer das Recht ein. Ich weisz, ich hab das schon mal geschrieben, aber es hat sich leider nicht rumgesprochen, und kann gar nicht oft genug wiederholt werden. Duterte hat sich per Vernunft fuer den Weg des Gesetzes entschieden, und den verfolgt er ganz aus dem Bauch heraus. Er ist einer der wenigen Politiker, bei denen aus Nietzsche-Sicht Vernunft und Instinkt zusammenfallen. Er ist ein “ganzer Mensch”, im Gegensatz zu Intellektuellen, die das Recht nur fuer sich selbst in Anspruch nehmen, und im Gegensatz zu “Bauchrednern”, wie zum Beispiel US-Praesident Trump. Der setzt allein auf seinen Instinkt, wenn er zu der bevorstehenden Begegnung mit Kim sagt, dass er ihn auf den ersten Blick werde einschaetzen koennen. Ihm geht es nicht um die Menschheit oder das “grosze Ganze” oder was auch immer, sondern um “America first”, oder, was in der Zeit Nietzsches als politische Moral galt: “right or wrong, my country”.

Was dabei herauskommt, bleibt dem Zufall ueberlassen, und in dem Zusammenhang war vielleicht der Shanghai Cooperation Organisation-Gipfel am Wochenende in Quingdao wichtiger als gestern “G7 minus one” in Kanada oder morgen Trump und Kim in Singapur. Der chinesische Praesident Xi Jinping warnte in Quingdao vor der “Mentalitaet des Kalten Krieges” oder dem “Zusammenprall der Zivilisationen”, die im Westen gedanklich vorherrschen. Protektionismus und feindliche Einstellung gegen den Welthandel seien kontra-produktiv. Es kaeme auf gute Nachbarschaft, Freundschaft und Kooperation an, und er sieht, dass “der Trend zu Multi-Polaritaet und wirtschaftlicher Globalisierung sich vertieft.

Interessant ist dabei, dass Praesident Rodrigo Roa Duterte diesen Weg bereits beschreitet, weshalb er von westlichen “Weltverbesserern” gehasst wird. Dass einige ihn dabei gern mit Trump vergleichen, zeigt nur, dass sie weder Trump von Duterte verstanden haben. Wo Trump aus dem Bauch raus “Politik” macht, die je nach Blaehung oder Voellegefuehl ausfaellt, verfolgt Duterte eine vom Verstand her vorgegebene Linie: gegen Extremismus, Separatismus und Drogen. Eine Linie, die auch die Teilnehmer des Gipfels in Quingdao verfolgen. So schreibt Adam Garrie in seinem Artikel in “Eurasia Future” dazu: “In diesem Sinne ist der Geist von Shanghai die leitende Kraft hinter dem Fortschritt der multipolaren Welt und das besonders im wachsenden Zusammenhalt der Asiatischen Nationen.

Genau dies aber ist – vom Westen her gesehen – die “Umwertung aller Werte”. Und morgen ist nicht so sehr wichtig, ob Trump und Kim sich in Singapur treffen, sondern dass “Independence Day” ist, der an die Erklaerung der Unabhaengigkeit von Spanien am 12. Juni 1898 erinnert, wozu Rigoberto Tiglao in seiner Kolumne in “The Manila Times” schreibt. Nachdem unter den Aquinos der 25. Februar – “EDSA People Power” – als Ersatz propagiert und die Nation mehr oder weniger vegessen wurde, sollte man jetzt daran denken, dass es die Nation ist, die die Menschen eint. Die Nation ist der Instinkt, und ihre gewaehlten Vertreter sollten die dazu passende Vernunft abgeben, dann wird es ein lebensfaehiges, menschliches Ganzes. Es gibt keine Instanz darueber, das sind Hirngespinste der Vernunft, die von den Almosen der Nationen leben. Eine uebernationale Einheit aller Menschen ist eine ebenso absurde Idee wie jene, die mal unter dem Schlachtruf “Proletarier aller Laender, vereinigt euch!” grassierte, sich dann ausgelebt hat und nun wieder in Nationen zerfaellt. Gerade der Zerfall der UdSSR ist dafuer beispielhaft. Es gibt nichts ueber der Nation, das ist nach Freud formuliert die heutige grosze “Kraenkung der Menschheit”. Auch mit diesem “geistigen Tiefschlag” muss jede Nation fuer sich fertig werden und mit den anderen Nationen muss man sich eben nachbarschaftlich einigen.

Anders geht’s nicht.



Gemaesz “ManilaTimes”, “ManilaBulletin”, “EurasiaFuture” u.a.

 

Mein Name ist Heiko Eckard. Ich wurde 1946 in Werries – Deutschland – geboren, besuchte das Neusprachliche Gymnasium in Hamm, studierte Philosophie und Mathematik in Münster und arbeitete als Programmierer in München, Nürnberg und Fürth. Nach meiner Pensionierung ging ich 2011 mit meiner Frau Ofelia Villaflores Eckard in ihre Heimat, General Santos City – Philippinen. Auf dieser Seite beschreibe ich, was mir aus der philippinischen Presse ins Auge sticht.

Die Veröffentlichung in den PHILIPPINEN NACHRICHTEN erfolgt mit der Erlaubnis von Heiko Eckhard.

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