…AUS DER PHILIPPINISCHEN PRESSE

 

 

PRESSESCHAU VON HEIKO ECKARD

Samstag, den 02. Dezember 2017

 

Cha-Cha ist nicht Cha-Cha-Cha… – …aber ein Tanz wird’s trotzdem. Also, “Cha-Cha ~ Charter Change” taucht auch als “Con-Ass ~ Constituent Assembly” in den Nachrichten auf, und gemeint ist damit nicht “Rev-Gov ~ Revolutionary Government”, sondern der Uebergang von der “Republic of the Philippines” zu einer “Federal Republic of the Philippines”, wie sie dann ja heiszen muesste. Eine foederale Staatsform, ein Bundesstaat, ist eine Idee von Praesident Rodrigo Roa Duterte, wie man das grundlegende Problem des Landes anfassen koennte – eine reiche katholische Elite in und um Manila im Norden und eine arme muslimische Minderheit in Mindanao im Sueden zu vereinen, mit allem was dazwischen liegt, ohne dass das Land zerfaellt oder im Buergerkrieg untergeht. Ein Bundesstaat hat Moeglichkeiten regionale Eigenheiten zu gestatten, um als einfaches Beispiel eine Polizei zu nennen, die sprachlich und kulturell naeher an den jeweiligen Buergern ist.

Zwar wurde von Manila aus seit der Unabhaengigkeit versucht, Tagalog, umfirmiert zu “Filipino”, als Landessprache durchzusetzen und andere Sprachen leise aussterben zu lassen, aber so einfach ist das nicht. Die Muttersprache lernt man von der Mutter und nicht in der Schule, und inzwischen wehren die Leute sich, wenn man ihnen an die Sprache geht. Das hat den lustigen Effekt, dass, wenn man sich mal nicht versteht, man auf die zweite Landesprache zurueckgreift – Englisch.

Wie auch immer.



Tom Marking hat in seinen “Cebuano Study Notes”, die ich fuer mein wenig erfolgreiches Cebuano-Studium nutzte, eine Sprachkarte, nach der sind die Hauptsprachen (Anzahl Sprecher):

Luzon + Mindoro – Tagalog (17 Mio), Ilokano (8 Mio), Bikol (3,5 Mio)

Visayas + Mindanao – Cebuano (15 Mio), Ilongo (7 Mio), Waray-Waray (2,5 Mio)

Das sind aeltere Daten, doch auch wenn es heute mehr Filipinos gibt, dann bleibt das Verhaeltnis gleich. Zudem sind weisze Flecken auf der Karte, wo Gruppen in der ARMM (Autonomous Region in Muslim Mindanao) zum Beispiel Arabisch, Tausug, Maranao, Zamboangan, Yakan, Sama, Badjao, Maguindanaoan, Iranun, Manao, Bagobo, Tiruray oder T’boli sprechen, wenn “Wikipedia” Recht hat.

Eine zentrale Polizei wie die PNP (Philippine National Police) kann nicht ueberall nah am Buerger sein. Dort sollte sie aber sein, will sie nicht als Feind, sondern als Freund und Helfer gesehen werden. Und, wo ich bei Besonderheiten der ARMM bin, fuer muslimische Buerger gilt dort seit 1977 die Scharia.

Also, die Idee groeszere Selbstaendigkeit in die sehr unterschiedlichen Regionen der Philippinen zu bringen, kommt nicht von ungefaehr, und “The Manila Times” hat sie heute als Schlagzeile auf der Titelseite: “Constituent Assembly to convene in January”. In einem Interview hat der Sprecher des Hauses, Pantaleon Alvarez, gesagt, dass die beiden Haeuser des Kongresses im Januar als “Con-Ass” zusammenkommen sollen, um eine foederale Regierung einzurichten. Senats-Praesident Aquilino Pimentel hat dem zugestimmt.

Dringlich wird die Sache, weil das BBL (Bangsamoro Basic Law) nun durchgebracht werden muss, was nicht geht, ohne die Verfassung anzuknabbern. In der vorigen Regierung war ein BBL an Verfassungs-Huerden gescheitert. Passiert das nochmal, werden MILF (Moro Islamic Liberation Front) und MNLF (Moro National Liberation Front) das Band zwischen sich und Manila zerschneiden, und das wuerde boes enden.

Dazu passt heute die Schlagzeile auf der Titelseite des “Manila Standard”: “IS mass hiring bared ~ IS-Massenrekrutierung aufgedeckt”. Der Abgeordnete von Lanao del Sur, Zia Alonto Adiong, sagte am Freitag: “Wir haben einige Berichte erhalten, dass die Anwerbung [fuer IS] in anderen Staedten weitergeht.” Wer sich IS anschlieszt, bekommt 100 Tsd Peso. Eine unvorstellbare Summe fuer einen Hilfsarbeiter oder in der Familie Mithelfenden hier unten. Die waeren dabei, wenn MILF und MNLF zu den Waffen rufen, aber nicht nur die.

Die Proteste letzten Donnerstag, Bonifacio Day, haben mich weniger interessiert. Die einen sind gegen “Rev-Gov”, die anderen fuer “Rev-Gov”. Beide haben nicht kapiert, dass Praesident Duterte nicht einfach mit dem Finger schnippen und “Rev-Gov” sagen kann, auszerdem will er das auch gar nicht. Deshalb ist das Vorpreschen von Alvarez wichtig: eine Aenderung wie der Schritt zum foederalen System muss vom Kongress ausgehen, sonst wird das nichts.



Die sind fuer Tempo nicht bekannt. Ich ahne schon eine Schlange beim Obersten Gericht, in der sich alle einreihen, die ihre Eingaben gegen dies und das loswerden oder TROs (Temporary Restraining Orders ~ Einstweilige Verfuegungen) ausgestellt haben wollen, aber sofort! Die Herren Gesetzgeber muessen sich aber beeilen, denn bei den TV-Bildern von den Demonstrationen an Bonifacio Day hatte ich den Eindruck, dass das meist junge Leute sind. Und da fiel mir nun wieder ein Bericht ein, den das IPAC (Institute for Policy Analysis of Conflict) in Jakarta am 27. November herausgegeben hat. Die haben sich mit den Attentaetern befasst, die an dem Attentat am 2. September 2016 auf den Nachtmarkt auf der Roxas-Avenue in Davao beteiligt waren. Dabei interessierte sie, wie diese Mitglieder einer IS-Zelle in Cotabato angeworben wurden. Hierzu sagte IPAC-Direktorin Sidney Jones: “Die ernuechternde Feststellung ist, dass obwohl die Marke ‘IS’ im Sinken ist, die verwendeten Narrative, um gewalttaetige Extremisten zu rekrutieren, wirkungsvoll bleiben, besonders in der gebildeten, staedtischen Jugend.” Viele der IS-Zelle in Cotabato waren Universitaets-Studenten, weder von Armut noch Mangel an Moeglichkeiten angetrieben.

Nun sollten Alarm-Glocken schrillen, denn die Demonstranten hier, nicht nur am Bonifacio-Day, gehoeren meist zu dieser Gruppe. Und so sind es eben nicht nur die armen Kerle, die man mit 100 Tsd Peso verleiten kann, wie es ja auch nicht nur die Arbeitslosen in den “fly over”-Staaten der USA waren, die Donald Trump gewaehlt haben. Da gab es auch eine Menge andere. Einfache Erklaerungen sind zwar leicht verdaulich, manchmal aber eben ohne jeden Naehrwert.

Es gibt eine intellektuelle Jugend, die in dem Prozess nicht uebersehen werden darf. Die ist gerade hier problematisch, was Praesident Duterte am 9. November beim APEC-Gipfel in Danang, Vietnam, unter dem Stichwort “brain drain” angesprochen hatte: “Einige der hellen Koepfe eines Landes werden wirklich ausgebeutet, wenn sie in ein anderes Land gehen.” Richtig, und sie schicken Geld her, dass die anderen auch studieren koennen. Aber wenn die Politik oder Jornalismus studieren, kriegen sie keinen Job im Ausland, sondern bleiben hier und gehen auf die Strasze, weil das alles ungerecht ist. Die “hellen Koepfe” muessen durch Investitionen hier gehalten werden, damit die mit Flausen im Kopf nicht die Ueberhand gewinnen.

Wird diese intellektuelle Jugend, zu der ich auch die Glaeubigen von Maos Rotem Buechlein rechne, zu lange ignoriert, koennen die Demos gewalttaetig werden, und weil dann kein durchgaengiges Konzept vorhanden ist, greift die IS-Propaganda. Und hier passiert genau das, was einst mit dem Arabischen Fruehling geschehen ist. Die Sache verkehrt sich in’s Gegenteil und es kommt genau jene Diktatur, die Demonstranten Duterte heute schon vorwerfen. Aber dann wird der Diktator nicht “Papa Duterte” sein.

Also, “Cha-Cha” oder “Con-Ass”, wie auch immer, es muss etwas passieren, bevor etwas passiert. Aber auch das ist nicht einfach, wenn es denn passiert.

Kommt eine Loesung “von oben”, in diesem Fall von Praesident plus Kongress, so werden sofort die auf den Plan gerufen, die darueber nicht abgestimmt haben. Vielleicht erinnert der Leser, dass es eine ziemliche Opposition zur EU in Deutschland gibt, weil “die da oben” das einfach beschlossen und nicht haben abstimmen lassen, wie das anderswo war. Das kommt hier auch, und wenn es lange genug gegaehrt hat, gibt es dann hier – analog zum “Brexit” in der EU – vielleicht einen “Minxit”?

Aber da geht wohl grad die Fantasie mit mir durch. Schauen wir, was sich im Januar tut, und gefragt sind da “Taeter”, keine “Bedenkentraeger”.

Gemaesz “ManilaTimes”, “ManilaBulletin”, “ManilaStandard”, “IPAC”, “Wikipedia” u.a.

 

Diskutiert wird darüber im DER PHILIPPINISCHE EXPAT KLUB, in der Gruppe POLITIK!

 

Mein Name ist Heiko Eckard. Ich wurde 1946 in Werries – Deutschland – geboren, besuchte das Neusprachliche Gymnasium in Hamm, studierte Philosophie und Mathematik in Münster und arbeitete als Programmierer in München, Nürnberg und Fürth. Nach meiner Pensionierung ging ich 2011 mit meiner Frau Ofelia Villaflores Eckard in ihre Heimat, General Santos City – Philippinen. Auf dieser Seite beschreibe ich, was mir aus der philippinischen Presse ins Auge sticht.